Die erste Reise zu Astrid Lindgren

 

 

 

        © Franka Frieß Die Bilder wurden von meinem damals sechsjährigen Sohn gezeichnet.

                   

 

 

 

Kleine Hommage an eine große Frau

                                                                                                                  

                                             

Sie ist ein einfaches Mädchen vom Lande, aufgewachsen in einer großen Familie - wie Astrid Lindgren. Sie liebt Kinder und hat daraus ihren Beruf gemacht - wie Astrid Lindgren. Sie gehört demselben Sternzeichen an, dem tiefgründigen, verletzlichen Skorpion - wie Astrid Lindgren. (...)

Das Mädchen hat sich geborgen gefühlt bei den Hauptpersonen in Astrid Lindgrens Büchern. Sie hat die Liebe der Mutter und Großmutter gespürt, den Stolz des Vaters und Großvaters. Astrid Lindgrens Worte, jedes ihrer Worte, hielten dem kritischen Geist des beobachtenden Mädchens stand. Bis heute bleibt ein ungebrochen großes Vertrauen in die verehrte Schriftstellerin. Allein ihr Gesicht, geadelt durch kostbare Runzeln, Linien, die das Leben geschrieben hat, flößt ihr Ruhe und Respekt ein.

 

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Sie war genau 50 Jahre und 360 Tage jünger als ihre Lieblingsschriftstellerin an deren 61. Geburtstag. Die Lehrerin hatte mit den SchülernMio, mein Miogelesen. Jedes Kind hatte zu einer Szene ein Bild gemalt. Sie erinnert sich, ihre Malkünste waren nicht vom Feinsten... Sie zeichnete das Haar von Mios Vater. Dabei ging etwas schief und die Frisur misslang. Das Bild jedoch, so gut wie fertig, konnte sie nicht mehr von neuem beginnen. Kurzerhand malte sie dem Vater ein Tellermütze auf den Kopf. Aus demblöden Haar” machte sie ein elegant-komisches "Franzosenkäppi". Die Zeichnungen der Kinder wurden gesammelt - es waren um die 30 - und mit einem Geburtstagsbrief an den deutschen Verlag der Schriftstellerin geschickt.  Dabei lernten die Drittklässler, einer Dame, der man zum Geburtstag gratuliere, dürfe man ihr Alter nichtverraten! Bis heute denkt sie schmunzelnd an diesen Brief und seine berühmte Empfängerin, immer dann, wenn sie einer Dame Geburtstagsgrüße schickt.

Und siehe da: Die Klasse bekam einen Dankesgruß von dieser weltberühmten Frau! Sie antwortete - handschriftlich, mit blauer Tinte, in gutem Deutsch-, wie sehr sie sich über die Geburtstagswünsche und -zeichnungen gefreut habe. Die Karte rahmte die Lehrerin ein und hängte sie neben der Tür des Klassenzimmers auf. Beim Verlassen des Raumes blickte das Mädchen nicht selten darauf. Ein Fehler war Astrid Lindgren dabei allerdings unterlaufen und den behielt sie im Gedächtnis, bis zum heutigen Tag: Sie hatteLiebe Fräulein Lehmannund nichtLiebes Fräulein Lehmanngeschrieben.

 

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Die Jahre vergingen. Das Mädchen, die junge Frau, verlor sich in dieses und jenes. Ihre Kinder kamen zur Welt. Sie will ihnen eine geglückte Kindheit schenken, will ihnen Mut macht zu ihren eigenen Fähigkeiten, will, dass sie spüren, wie erwünscht sie sind. Ihre Kinder schätzen heute, neben der umwerfenden Pippi und der patenten Polly den liebenswerten Michel, dessen Abenteuer sie wieder und wieder lesen, hören und sehen wollen. Sie weiß, Astrid Lindgren schenkt ihren Kindern vieles - durch ihre Bücher und Filme, was sie als Mutter ihnen nicht geben kann. So hat sie dies selbst als Kind erfahren dürfen! Und sie ist sich sicher, die große Schriftstellerin segnet ihre Kinder vom Himmel herab, so, wie sie das einsame Mädchen in seiner Kindheit einst gesegnet hat. Viva, Astrid Lindgren!                            

 

 

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 © Franka Frieß

 

 

In den letzten Spätsommerwochen des Astrid-Lindgren-Jubiläumsjahres 2007 - Ende August - packe ich mit meinem Mann und unseren beiden Kindern die Koffer und fahre nach Schweden. Es ist eine kurzfristige Entscheidung, aber ich weiß sofort, dass sie richtig ist. Ich will im schwedischen Småland, der Heimat der Kinderbuchautorin, mehr erfahren über die Schriftstellerin, die ich seit meiner Kindheit liebe. Auch will ich meinen Kindern ein großes Geschenk machen. Meine neunjährige Tochter und mein sechsjähriger Sohn, beide sind Leseratten, lieben die Erzählungen von Astrid Lindgren so wie ich sie selbst in meiner Kindheit geliebt habe. Und beide haben das richtige Alter, um auf solch einer Reise der großen Schriftstellerin zu begegnen. Ihr 100. Geburtstag ist der willkommene Anlass. Jetzt oder nie müssen wir dorthin reisen!

 

 

                                              © Franka Frieß

 

  

Die Fahrt quer durch Deutschland überspringe ich hier. Und dann geht es los: Die Fähre läuft ein in Trelleborg nach einer nächtlich-ruhigen Überfahrt. Kinder und Eltern sind etwas müde und seeeeehr gespannt! Es ist Morgen, Schulwegzeit in Schweden. An den Bushaltestellen warten Schüler alleine oder zu mehreren auf ihren Schulbus. “Ihr müsst heute nicht in die Schule, habt ihr`s gut!”, sage ich schmunzelnd zu unseren beiden Ferienkindern auf der Rückbank.

Unser Peugeot Partner, vollgepackt - wie das nun mal bei Familienautos auf Reisen ist -, bringt uns nach einer etwa einstündigen Odyssee auf verschiedenen Landstraßen nicht unserem Ziel näher. Wir planen um und beschließen, die Autobahn Richtung Stockholm zu nehmen. Kurz vor der Autobahn, in dem Städtchen Örkelljunga, legen wir eine späte Frühstückspause ein. Gegen elf Uhr betreten wir ein kleines Café, das uns von einem älteren Ehepaar auf der Straße empfohlen worden ist. Hier gibt es Brötchen, Brot und Gebäck in großer Auswahl. Neben der Verkaufstheke befindet sich ein kleiner gemütlicher Raum, in dem bereits einige Leute sitzen. Ich frage in meinem gebrochenen Schwedisch an der Theke nach “etwas typisch Schwedischem”. - Typisch Mama! - Die Verkäuferin tut sich schwer mit einer Antwort, bis sie schließlich sagt “Alles hier ist selbst gemacht!” So suchen wir das Gebäck aus, das uns am besten gefällt und wählen unterschiedlich belegte Weißbrote aus. Die Erwachsenen nehmen Kaffee, die Kinder Kakao. Die Dame weist auf die Anrichte an der Seite des Raumes, wo wir den Kakao mit heißem Wasser selbst anrühren können. Beim Kaffee können wir uns hier ebenso selbst bedienen. Wir suchen uns einen kleinen Tisch für vier Personen, nicht unbeobachtet von den recht zahlreichen Besuchern, die alleine oder in Grüppchen an ihren Tischen sitzen. Mit großem Appetit verspeisen wir unser schwedisches Frühstück.

 

Eine Stunde später sitzen wir vier gesättigt und erfrischt wieder im Auto, um die Autobahn zu nehmen.

 

Am frühen Nachmittag verlassen wir diese und gelangen auf die Landstraße Richtung Osten. Hier erst sehen wir, wie schön die Natur im Småland, der geliebten Heimat Astrid Lindgrens, ist! Außer den einsam liegenden, in warmem Rot gestrichenen Gehöften fahren wir hier durch Natur pur! Herrlich! Wir finden viel dunklen Nadelwald mit Wasser und Gestein vor und erblicken hier und da vereinzelte Birken, Mutters Lieblingsbäume. Die Straßenbeschilderung ist auf ein Minimum reduziert und beeinträchtigt daher die Natur - wie in Deutschland - nicht. Hineinlegen möchte man sich in diese Landschaft, so schön ist sie! Papa legt die CD mit der Erzählung von Michel aus Lönneberga ein. “Michel” ist in Schweden nicht bekannt, in den Originalbüchern auf Schwedisch heißt er “Emil“. Da Astrid Lindgren nicht mit dem in Deutschland bekannten Kinderbuch “Emil und die Detektive” von Erich Kästner konkurrieren wollte, wurde der nette schwedische Frechdachs für die deutschen Kinder kurzerhand umgetauft in “Michel“. Der deutsche “Michel” entspricht also dem schwedischen “Emil“. Der aufgeweckte “Emil” von Erich Kästner ist dem pfiffigen “Emil/Michel” von Astrid Lindgren in seiner Liebenswürdigkeit mit Sicherheit aber nicht unterlegen!

Wir lauschen der CD mit Michels Streichen besonders aufmerksam, denn wir wissen, alles, was wir jetzt im Auto hören, ist in dieser Gegend geschehen. Plötzlich rufen die Kinder “Lönneberga”. Sie haben ein Straßenschild mit dem für sie wohlbekannten Namen entdeckt. Die Chauffeurin - bereits an dem Schild vorbeigefahren -, wendet bereitwillig, um einen Abstecher dorthin zu machen.

 

Im Ort angekommen ist es kalt, und es fröstelt uns sehr, als wir aussteigen. Wir entdecken ein kleines Häuschen, aus dem Michel - in Holz geschnitzt - herauslugt. Ein Gästebuch - bereits voller überwiegend deutscher Eindrücke - lädt zum Eintrag ein. Dies zeigt, wie beliebt der Lausbub bei deutschen Kindern ist und wie gerne er von ihnen besucht wird. Ich schreibe: “Mehr als 1000 km sind wir gefahren, um die große Schriftstellerin zu besuchen und dem kleinen Helden Michel Hallo zu sagen.” Die Kinder setzen ihren Namen darunter.

 

Jetzt setzen wir unsere Reise fort. Auf dem Weg Richtung Mariannelund lesen wir Sevedstorp und daneben auf einem bescheidenen zweiten Schild "Bullerbyn", zu deutsch Bullerbü. Dieser weltberühmte Ort heißt im Original also Sevedstorp! Dorthin wollen wir natürlich sofort. Wir müssen alles im Zeitraffer erleben, denn wir wissen, unsere Zeit in Schweden ist sehr begrenzt. Nur zwei Tage stehen uns zur Verfügung!

 

Traumhaft, als wir das Auto verlassen und den kleinen Weg zu den drei Gehöften von Bullerbü einschlagen, einfach traumhaft! Völlig einfach und absolut schwedisch-bescheiden! Die Welt aus der Kindheit von Astrid Lindgren tut sich vor unseren Augen auf: Das alte Fahrrad, welches sich lässig an den Zaun des ersten Hauses lehnt, die Milchkanne wie anno dazumal, die liebevoll weiß bemalten Spitzen der roten Lattenzäune, das satte Rot der Holzhäuser. Rechts zwei schöne alte Schaukeln, aufgehängt an zwei großen, hohen Bäumen. Unsere beiden rennen sofort dorthin. Schon sitzen sie und schwingen gleichmäßig hin & her und hin & her und hin & her. Sie scheinen dabei die lange, nicht ganz unbeschwerliche Fahrt von sich abzuschütteln. Verträumt und zufrieden genießen sie dabei den Blick auf die drei roten Bullerbü-Höfe. Das mittlere Haus, der Mittelhof, ist das Haus von Astrid Lindgrens Vater. Es ist das Domizil der kleinen Lisa, der Ich-Erzählerin in den Bullerbü-Büchern. Das linke ist der Nordhof, das rechte der Südhof. Und dann das Loft, der Heuboden! Mit frischem Heu gefüllt, lädt er die Kinder zum Spielen und Toben ein. Einfach Spielen und Toben, einfach Spielen und Toben! Wie unkompliziert doch alles ist und wie gut! Die Kinder tummeln sich lange.

 

Danach laufen die beiden zum Baum mit dem großen Loch im dicken Stamm, dem Eulenbaum, klettern in die Höhlung und schauen fröhlich heraus. Dieser lustige Anblick ist uns ein Foto wert!

 

Im Anschluss an Bullerbü wollen, nein, müssen wir auch nach Katthult! Wir folgen der Skizze, die uns eine freundliche Dame in Lönneberga gegeben hat. Der Ort heißt eigentlich Rumskulla. Es ist der Drehort für die Michel-Filme. Schön, die Gegend dort! Kühe, gefällig grasend, zwischen Birken, Wiesen und großen Steinen. Wir schlendern den kurzen Weg entlang, welcher zu den Häusern führt. Am Anfang gleich ein einfaches Klo. Unser Sohn sperrt - ich habe es geahnt - Mama in das Klohäuschen ein. Das musste sein! Diese Freude, dieses diebische Blitzen in den Augen des Kindes: “Ich mache es wie mein Freund Michel” triumphieren sie. Auf Bitteln und Betteln hin befreit er seine Mutter. Ich spiele die Entrüstete.

 

Wir gehen weiter und erblicken rechter Hand das Haus Michels mit der Fahnenstange im kleinen Vorgarten. Das Haus ist so, wie wir es von den Filmen her kennen. Die legendäre Fahnenstange, an der Michel seine Schwester hochgezogen hat, um ihr den Blick in die Ferne zu ermöglichen, haben die Kinder sofort entdeckt! Unsere Tochter erinnert sich lachend, dass die kurzsichtige Frau Petrell die rotweiß gekleidete Ida hoch oben an der Fahnenstange für die dänische Flagge gehalten hat. `Könnte mir auch passieren`, schmunzelt die Mutter, sagt aber lieber nichts.

  

 

                            © Franka Frieß

  

 

Die Sonne scheint jetzt. Nach dem fröstelnden Empfang in Lönneberga tut die Wärme gut! Die Hauptsaison für Astrid-Lindgren-Pilger ist schon vorbei. Deswegen ist alles ruhig und beschaulich. Nur etwa fünf bis sechs weitere Besucher schlendern über das Gelände. Der Laden im Tischlerschuppen ist geschlossen. Wir können nur von außen durch die kleinen Fenster hineinlugen und sehen die Holzmännchen, die Michel geschnitzt hat. “Nächstes Jahr kommen wir wieder zur Hauptsaison“, beschließen wir Eltern. “Dann können wir alles sehen“. Papa, nicht gerade belesen in punkto Kinderbücher, ist nun auch angetan. Die Freude, die aus den begeisterten Augen der Kinder und seiner Frau strahlt, steckt ihn an. Wir spazieren ganz in Ruhe durch den kleinen Ort, bleiben hier und dort stehen und machen Fotos vor Michels Film-Wohnhaus. Es ist jetzt privat bewohnt.

 

Wir schauen uns das Gatter zum Weg hin an, an dem Michel den Wegezoll abkassierte. Die Zäune interessieren uns, besonders der rote Lattenzaun vor Michels Wohnhaus mit den weiß bemalten Spitzen, und der Naturzaun zum Hag hin, bestehend aus dünnen unbehandelten Baumstämmen, übereinander gelegt zu einer schmalen Mauer.

 

Die Umgebung um die wenigen Häuser des Weilers - oder wie auch immer man das Gehöft nennen mag - ist für unsere Augen ungewohnt, aber sehr schön! Sie besteht aus wildem Garten-, Acker- und Naturland, schwer einzuordnen! Im Schwedischen nennt man das “hage”. Ich erinnere mich, dass Astrid Lindgren für den Erhalt dieser Hage gekämpft hat. Das Bild des Hags steht jetzt, während ich das schreibe, klar vor meinen Augen: Lange, hoch gewachsene, einzeln oder in Grüppchen stehende Birken, umwuchert von hohen und niedrigen Gräsern. Dazwischen große, steinerne Findlinge und Wasser -  große Pfütze. Für einige Momente gebe ich mich ganz der Atmosphäre dieses nachsommerlichen schwedischen Hags hin, während ich im Herbst in der deutschen Wohnstube meine Eindrücke in den Computer tippe.

 

Die Kinder, vor allem unsere neunjährige Tochter, erkennen vieles aus der Lektüre von Astrid Lindgrens Büchern wieder, was die Mutter zunächst vergessen zu haben scheint. Überhaupt entpuppt sich unser Mädchen hier im hohen Norden als Astrid-Lindgren-Kennerin! Mussten wir so weit fahren, um dies zu erkennen? Die bereits erwähnte Fahnenstange, das Plumpsklo (im Buch die Trissebude), das Haus von Alfred, dem geliebten Knecht, das Gatter, das Michel öffnete, um den Vorbeiziehenden den Weg freizumachen. Alles erkennen wir hier wieder.

 

  

                                                        © Franka Frieß

                                        © Franka Frieß

 

Oben siehst du die Trisseboda, das Plumpsklo von Michel, und unten das Haus von Alfred, dem Freund von Michel.

 

 

  © Franka Frieß

 

  

Es geht weiter: Wir fahren nach Mariannelund. Die Geschichte, in der Michel seinen großen Freund Alfred nachts bei Sturm und Schneegestöber mit dem Pferdeschlitten alleine zum Doktor fährt, ist - bis auf Papa - allen präsent. Es ist die Rettungstat eines kleinen, mutigen Davids. Und als wir durch die Straßen des Städtchens mit den roten Holzhäusern fahren, gedenken wir andächtig der Geschichte, in welcher der kleine Frechdachs - ist er das überhaupt? - über sich selbst hinaus wächst.

 

Und schließlich das Ziel unserer Reise: Vimmerby! Wir lesen es auf dem Straßenschild. Die Spannung steigt! Wie sieht die Stadt Astrid Lindgrens wohl aus?

 

Nachdem wir im Zentrum angekommen sind, spüren wir Erleichterung, weil unsere Erwartungen nicht enttäuscht werden. Das Städtchen gefällt uns sehr und ist sympathisch. Alles stimmt!

 

  

 © Franka Frieß

  

 

Wir parken auf dem Marktplatz und beobachten, wie eine letzte Verkaufsbude des gestern beendeten Marktes von Vimmerby abgebaut und abtransportiert wird. Nun geht es an die Herbergssuche! Wir erkennen das große altehrwürdige Stadthotel am Markt aus dem Internet wieder. Wir sehen uns noch zwei weitere Hotels an, aber entscheiden uns einstimmig für das rosa Stadthotel. Hier bekommen wir ein letztes Zimmer für vier Personen, ein sogenanntes Familienzimmer. Es ist brauchbar, hat vier Betten und ein Bügelbrett. Ja, ein Bügelbrett. So etwas haben wir auf unseren nicht gerade seltenen Reisen noch nicht erlebt. Die Schweden scheinen praktisch veranlagt zu sein, und das ist auch gut so! Wir sind sehr dankbar für das Familienzimmer, da wir mit unserer Suche ja auf dem allerletzten Drücker waren! Wir packen das Nötigste aus, gehen noch ein wenig im Städtchen spazieren, bevor wir uns zum Abendessen in unser Hotel begeben. Im Hotelzimmer liegen Schreibblöckchen und Bleistifte für die Gäste als Reklamegeschenke aus. Darauf verarbeiten die Kinder ihre Eindrücke von Katthult und zeichnen Michels und Alfreds Haus. Und dann ab in die Falle! Wir schlafen tief und traumlos nach einem Mammuttag voller Eindrücke und Erlebnisse.

 

Der zweite Tag in Schweden ist nicht minder spannend als der erste: Bei einem gemütlichen Frühstück, das wir an der Selbstbedienungstheke des Hotelrestaurants zusammenstellen, beratschlagen wir über den vor uns liegenden Tag. Während wir zum Fenster auf den Marktplatz hinausblicken und die allerletzten Aufräumarbeiten des Jahrmarktes beobachten, entscheiden wir uns, gleich zum Tourismusbüro der Stadt an der gegenüberliegenden Seite des Marktplatzes zu gehen. Die freundliche ältere Dame dort spricht sehr gut Deutsch. Sie gibt bereitwillig Auskunft, wie wir zu Astrid-Lindgrens-Welt, dem großen Erlebnispark für Kinder kommen, wo wir zudem das Geburtshaus der Schriftstellerin mit dem neu errichteten Astrid-Lindgren-Zentrum finden und wo schließlich ihr Grab zu finden sei. Sie macht darauf aufmerksam, dass das Geburtshaus und das neue Informationszentrum bereits geschlossen sind und empfiehlt deshalb den Erlebnispark. Wir kaufen noch einige besonders schöne Ansichtskarten im Tourismusbüro, jeder denkt an bestimmte Personen, denen er oder sie gerne schreiben möchte. Ich will den Kindern der Stadtbücherei in unserem Heimatort eine Karte schicken. Dort plant die Leiterin eine kleine Ausstellung zum 100. Geburtstag der Schriftstellerin. Meine Kinder haben eine Liste zusammengestellt von den Freunden, die eine Karte aus der Heimat Astrid Lindgrens erhalten sollen. Und Papa denkt an seine Familie.

 

In der Mitte des Marktplatzes steht ein Denkmal der berühmtesten Tochter der Stadt. - Ist es aus Gusseisen? - Die Schriftstellerin wird hier am Tisch sitzend mit ihrer Schreibmaschine dargestellt. Ihr gegenüber steht ein leerer Stuhl, gleichsam den Betrachter zum Sitzen und Schreiben einladend. Unsere Tochter setzt sich zu der liebenswürdigen “eisernen Lady” und schreibt hier ihre erste Ansichtskarte aus Schweden.

 

 

                   © Franka Frieß

 

  

Und danach fahren wir zum Astrid-Lindgren-Zentrum und dem daneben liegenden Geburtshaus der Schriftstellerin in Näs. Wie wir bereits wissen, ist alles geschlossen. Wenigstens hineinspitzen wollen wir! So lugen wir ein wenig traurig durch die bereits von Innen verhängten Fenster des Ladens. Wir erhaschen einige Kleinigkeiten auf einem Regal, dessen unterstes Bord wir zwischen Fensterrand und weißem Vorhang gerade noch ausmachen können.

 

Am neu errichteten Zentrum, nur einen Steinwurf daneben, blicken wir durch eine riesengroße glaswandige Frontseite auf mehrere Schwarzweißportraits von Astrid Lindgren, die ihre Entwicklung von der Jugend bis zum Alter beschreiben. Ein Foto zeigt sie als Greisin, die dem Betrachter die Zunge herausstreckt. Meine Augen bleiben an dieser Fotographie hängen, sicherlich ist dies so bezweckt!! Das Foto soll wohl zum Ausdruck bringen, dass die Autorin nicht immer Liebkind der schwedischen Gesellschaft gewesen ist. Sie blieb ihrem Wesen treu, ob gelegen oder nicht, monierte, erhob Einspruch, eckte an, sagte ihre Wahrheit, ihre Wahrheit, und wurde angegriffen. Sie ließ sich nicht verbiegen, blieb einfach, immer auf der Seite des Kindes, eine Kinderfreundin, deren Herz für die Kleinen der Gesellschaft schlug. Mit ihrer klaren, kindgerechten Sprache hat sie vor vielen Jahren auch mein zuweilen mutloses Kinderherz erreicht und verzaubert heute das hoffentlich mutigere Herz meiner Kinder. Ihre schnörkellose Sprache berührt heute noch immer meine inzwischen "erwachsen gewordene Seele"!

 

Mit gemischten Gefühlen löse ich mich von der Fotographie mit der Zunge streckenden Greisin Astrid Lindgren.

 

Wir fahren zum nahe gelegenen Park Astrid-Lindgrens-Welt und werden nicht enttäuscht. Zunächst hatten wir uns unter Erlebnispark einen der üblichen  Freizeitparks für Kinder vorgestellt. Aber dieser hier ist total anders.

 

Und gleich geht es auch los: An der Eingangsbühne des Parks, es folgen noch mehrere, werden die Besucher von zwei wackeren Polizisten - Schauspielern - begrüßt. Wir kennen sie bereits, denn wir haben sie im Internet gesehen. Woher wir alle kommen? Die beiden schauen ins Publikum. Aus verschiedenen Teilen Schwedens, aus Norwegen, Dänemark, Finnland, aus Frankreich, Österreich und Deutschland. Nach der Begrüßung wird das Pippi-Langstrumpf-Lied angestimmt, gesungen und gesummt. Wie eine weltbekannte internationale Hymne vernimmt sich das Lied und verbindet all die Besucher aus den verschiedenen Ländern. Alle sind von den Charakteren Astrid Lindgrens so sehr gefesselt, dass sie und ihre Kinder die oft lange Reise hierher auf sich genommen haben.

 

Wir gehen weiter zu einer Puppenspielbühne, von dort zu einem kleinen Teich, wo die Kinder sich an Seilen entlang ziehen, um von einem Ufer zum anderen zu gelangen. Es macht ihnen sichtlich Spaß und sie werden auch nicht nass.

 

Nass werden sie aber zunehmend von den mehr und mehr werdenden Regentropfen. Es ist nichts zu machen, die vereinzelten Tropfen verstärken sich zu immer dichter werdendem Regen! Wir haben nicht an ausreichendes Regenzeug gedacht. So gehen wir zum Schutz vor dem Regen in ein Café - urgemütlich -  im alten Stil aus der Jugendzeit Astrid Lindgrens. Zu Recht nennt es sich das Gammelgårdenscafé, also das alte Bauernhauscafé. Nichts ist neumodisch, all die kleinen Details sind liebevoll  der vergangenen Zeit nachempfunden. Sogar die große Eistafel an der Decke ist auf einem Karton aufgeklebt, welcher die Form eines Eis` in der Waffeltüte hat. Wir haben das Gefühl, wir betreten eine alte, verzauberte Welt und sind gleichzeitig eingenommen vom Charme der Zeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

 

Wir legen hier unsere Mittagspause ein, nehmen Kaffee und Kakao, belegte Brote und etwas typisch Schwedisches, nämlich Zimtschnecken, zu uns. Herrlich! Wer war es noch, der so gerne Zimtschnecken vertilgte? Ja! Karlsson vom Dach - "schön und grundgescheit!" Wir sitzen und beobachten alles um uns interessiert, während wir unsere heißen Getränke schlürfen. Draußen tropft und tropft und tropft es, als in unsere Gedanken Musikanten aus der alten Zeit eintreten. Die jungen Leute in Kleidung von gestern intonieren schwedische Lieder und bewegen sich zur Musik. Mit meinem inneren Ohr höre ich noch heute das Trampeln und Scharren der Füße auf den Dielenbrettern, das sich vermischt mit der Melodie der Instrumente und dem Rauschen des Regens. Sie fordern zum Tanz auf, bis sich ihnen nach und nach immer mehr Besucher des kleinen Cafés anschließen. Fast der ganze Saal beteiligt sich, sogar mein Mann und ich werden angesteckt von diesem Zauber. Nur unsere Kleinen bleiben am Tisch sitzen. Ist ihnen wohl unheimlich oder ungewohnt!

 

Nachdem wir uns aufgewärmt und gesättigt haben, verlassen wir das Café und betreten das daneben liegende Geschäft. Es regnet immer noch, aber der Weg zum Geschäft ist nur kurz. Wir kaufen eine “Müsse” für unsere Tochter und unseren Sohn, d. h. eine blaue Schirmmütze, und eine "Büsse", d. h. ein Holzgewehr für unseren Junior. “Das ist das Gewehr, das Alfred für seinen Freund Michel geschnitzt hat! Und das ist das Käppi, das Michel immer trug." - "Im Film“, so wissen unsere Kinder, “ist die Mütze braun”, eine Einzelheit, die meinen "Erwachsenen-Augen" entgangen ist! Unsere Tochter erinnert uns auch daran, dass Michel die beiden Wörter “Mütze” und “Büchse” nicht aussprechen konnte. Daraus entstanden dann diese beiden lustigen Begriffe “Müsse“ und “Büsse“.

 

Jetzt setzen wir - die Kinder inzwischen gut "behütet”, der Sohn “schwer bewaffnet” - unsere Tour fort und gehen zu den Miniaturhäusern. Wir entdecken Klein-Vimmerby mit unserem Stadthotel, in dem wir die vergangene Nacht wie die Bären geschlafen haben. Unweit davon treffen wir auf den Nord-, Mittel- und Südhof in Kleinformat, welche wir gestern noch im Original in Bullerbü gesehen haben. Nachdem die Kinder alle Häuschen durchstöbert haben, gehen wir weiter zur  Krachmacherstraße und danach zu einer Häuserzeile, die wir nicht zuordnen können. Erst nach langem Überlegen erkennen wir die putzigen Häuser: Eines davon ist das Zuhause von Polly Patent! Ich erinnere mich lebhaft an die von Manfred Steffen so wunderbar vorgetragene Geschichte von dem beherzten sechs-, fast siebenjährigen Findelkind (im gleichen Alter wie unser Sohn). Es verkauft anstelle seiner kranken Großmutter auf dem Weihnachtsmarkt die von ihr zubereiteten Bonbons. Auf unseren uralten Weihnachtskassetten von Astrid Lindgren, die wir Jahr um Jahr beim adventlichen Plätzchenbacken hören, mag ich diese Erzählung am liebsten. Die Kassetten sind so alt und oft gebraucht, dass sie leiern, sodass  die Stimme von Herrn Steffen inzwischen schon an manchen Stellen leicht weinerlich klingt.

 

Wir verweilen schließlich bei der “Villa Villekulla”. Das schwedische Originalwort gefällt mir besser als das deutsche “Kunterbunt“, weil es richtig lautmalerisch ist! Die Kinder klettern auf dem Pippi-Langstrumpf-Miniatur-Häuschen und beschnuppern alles genau, während die etwas müden Eltern eine Rast einlegen müssen.

 

Danach geht es weiter zum Heckenrosental, von wo uns Lärm entgegenkommt. Die gesamte Mannschaft aller hier im Park auftretenden Schauspieler gibt ein Potpourri verschiedener Lieder zum Besten. Für den kleinen Leser erkläre ich hier das Wort: Potpourri ist eine Mischung aus verschiedenen Liedern. Während Pippi und ihr Seemann-Vater, Michel, Alfred, Klein-Ida, die Magd Lina und andere auf der Freilichtbühne singen, tanzen, schunkeln und lachen, sitzt ein großes geduldiges Publikum von Kindern und Erwachsenen im Regen. Interessiert folgt es dem Bühnengeschehen. Ich suche ein Plätzchen in der Reihe der Zuschauer für mich und meine Kinder, während mein Mann hinten wartet. Eine sehr freundliche junge Frau springt, ja, springt herbei und wischt das Regenwasser für uns ab, damit wir uns beim Hinsetzen nicht nass machen. Dies alles ganz ohne Scheu, als wäre es das Natürlichste von der Welt! Ein kleines Wunder, denn eine solch geistesgegenwärtige Hilfsbereitschaft von einem fremden Menschen kenne ich bisher nicht! Ich sage sehr gerührt “tack” - danke - und noch einmal “tusen tack” - tausend dank -, während mein Blick auf das Kind in den Kinderwagen der jungen Schwedin wandert. Darin sitzt ein schwer behindertes Kind von vielleicht acht Jahren. Diese junge Schwedin, es muss die Mutter sein, hat meine ganze Sympathie. Ich denke bei mir, dieses Kind hat ein großes Glück: Es hat eine liebevolle Mutter. Ihre aufmerksame Geste der Hilfsbereitschaft hat sich tief in mein Herz eingeprägt und ich erinnere mich auch noch Wochen, Monate danach gerne an diese Frau. (Und heute, beim Korrekturlesen nach zehn Jahren taucht die Gestalt der netten Frau wieder vor mir auf.) So ist das, wenn ein Mensch, auch ohne Berührung, einen anderen “berührt“, seelisch! Diese Person und ihre liebevolle Aufmerksamkeit verbleiben im Herzen dessen, dem sie gegolten hat.

 

Vom Heckenrosental ziehen wir weiter zum Kirschtal der Brüder Löwenherz. Dort verliert unsere Neunjährige ihren längst überfälligen Wackelzahn. Sie präsentiert den Backenzahn, auf den sie schon seit mehreren Wochen gewartet hat, nicht ohne Stolz. In der Nacht wird die Zahnfee kommen und unserem Mädchen anstelle eines Euros eine schwedische Krone bringen!

 

Langsam werden wir müde, aber es geht weiter. Wir kommen zum Miniatur-Haus von Michel, bei dem wir gestern noch in echt zu Besuch gewesen sind. Hier wird wieder geschauspielert. Die Szene aus Katthult, als die Magd Lina mit schmerzverzerrtem Gesicht hin und her läuft und ihren Zahn mit Hilfe einer Schnur gezogen bekommt, wird mehrere Male gespielt. Unsere Kinder beobachten gebannt diese Szene und sind nicht loszukriegen von dem Ort. Wir stehen bestimmt eine halbe Stunde hier und ich möchte wegen des Regens gerne schon weiter, aber

keine zehn Pferde würden sie jetzt wegziehen können… Sind die beiden vielleicht deshalb so vertieft, fällt mir im Nachhinein ein, weil unsere Tochter zuvor ihren Zahn verloren hat?

 

Wir werden immer nasser. Mein Mann läuft in eines der Geschäfte und kauft zwei gelbe Regenponchos für die Kinder, womit bereits die Mehrzahl der Besucher hier bestückt ist. Sie lassen sich die Capes bereitwillig überziehen, während sie immer noch fasziniert dem Schauspiel mit dem Zahn folgen.

 

Als ihr Interesse weitestgehend gestillt ist, können wir weiterziehen. Wir gehen in Nils Däumlings` Haus, wo Mama am eigenen Leib mühsam erfahren kann, wie schwierig es für kleine Kinder ist, auf einen Erwachsenenstuhl zu krabbeln. Hier sind nämlich die Maße der Einrichtung so groß, dass auch ein ausgewachsener Mensch dagegen klein ist. Gut, diese Erfahrung!!!

 

Jetzt kommen wir bei “Ferien auf Saltkrokan” vorbei. Wir besteigen eine Art Gondel  für vier Personen, geben der jungen Bedienung am Start unsere Muttersprache an und schon geht die kleine Reise in deutscher Sprache los! Wir werden gefahren in eine dunkle Welt. Eine Stimme aus dem Lautsprecher erzählt die Kindheitserinnerungen einer jungen Schriftstellerin an ihre Ferien auf der Schären-Insel Saltkrokan. - Zur Information: Die Schären sind kleinere und größere flache Felsen-Inseln im Wasser. - In den kleinen Schaufenstern, an denen wir vorbeigondeln, betrachten wir reizende Szenen aus Astrid Lindgrens Buch “Ferien auf Saltkrokan” und fühlen uns mitten ins Geschehen versetzt, vom Schrei der Möwen verzaubert, vor uns hinträumend… Wie herrlich!

 

Diese Fahrt an der Insel vorbei würde ich gerne ein zweites Mal machen. Aber: Undank ist der Welten Lohn! Während ich mit Engelsgeduld bei der Szene mit Linas Zahn gewartet habe, ist unser Nachwuchs im Gegenzug unerbittlich mit mir. Mein Wunsch nach einer weiteren Fahrt in der Gondel wird kategorisch abgelehnt! Ich schwöre im Stillen, dass ich wieder hierher kommen werde und so oft mit dieser Gondel fahren werde, bis auch mein Hunger gestillt sein wird.

 

Ehe wir uns von diesem einzigartigen Erlebnispark verabschieden, besichtigen wir noch Lottas Haus, das wir einige Zeit später im deutschen Kinderkanal in dem amüsanten Spielfilm “Lotta zieht um” wieder erkennen werden. Dann kaufen wir ein paar Souvenirs und verlassen müde, aber sehr bereichert diesen wundervollen Freizeitpark. In unserem Führer wurde darauf hingewiesen, dass bei der Errichtung des Erlebnis-Parks Astrid Lindgren selbst mitgewirkt hat, dass auch heute die Familie der Schriftstellerin immer wieder zu Rate gezogen wird. Diese segnende Hand Astrid Lindgrens spüren wir hier bei allem, ihr Atem lebt hier fort und macht den Park so unverfälscht “lindgrenisch”.

 

  

Im Folgenden einige Szenen - bunt gewürfelt - aus dem Astrid-Lindgren-Erlebnispark:

 

  

 © Alle Fotos: Franka Frieß

 

 

Habe ich noch jemanden vergessen? Ja! Die Frau auf dem Fahrrad! Wie heißt sie noch? Muss mal meine Astrid-Lindgren-Kennerin fragen. Meine Tochter weiß es: “Es ist die Frau, die überall ihre Nase hineinsteckt, Fräulein Prysselius“. Sie begegnet uns im Park immer wieder, lächelt hier hin, grüßt dorthin. Ihr freundliches ”God dag, god dag” wird mir für immer in den Ohren klingen! “Im Buch ist sie aber nicht so freundlich!” ergänzt meine Tochter.

 

Wir fahren zu unserem Hotelzimmer, um uns von den vielen Eindrücken ein wenig zu erholen und eine kleine Verschnaufpause einzulegen.

 

Wir überlegen: Eines ist uns jetzt noch ganz wichtig. Wir wollen nicht diese hübsche Stadt verlassen ohne unserer großen Freundin am Grab hallo und adieu gesagt zu haben. Wir gehen zu Fuß den kurzen Weg, am Parkhaus des Einkaufszentrums entlang, überqueren eine befahrene Straße und stehen vor dem großen “Kirkegård“, dem Kirchgarten oder Friedhof. Durch ein kleines Törchen betreten wir den gepflegten Friedhof. Es regnet in Strömen, dennoch, wir wollen zu Astrid Lindgrens Grab.

 

Wir schauen uns um und sind überzeugt, nach deutschem Gedankengang, dass es einen Wegweiser zum gesuchten Grab gibt… Doch weit gefehlt! Nirgendwo können wir ein Schild im Regen ausmachen. Wir müssen die letzte Ruhestätte der Schriftstellerin also selbst suchen und wissen gar nicht, wie wir vorgehen sollen. Wir lesen ziellos hier und da die eingravierten Namen der Verstorbenen auf den Grabsteinen, werden aber nicht fündig. Natürlich ist der Friedhof bei solchem Regenwetter menschenleer. Doch da erblicken wir am anderen Ende zwei, drei schwarz gekleidete Leute, es sind vermutlich Trauergäste. Sie scheinen den Friedhof verlassen zu wollen. Unsere Hoffnung, das Grab zu finden, schwindet. Letzte Chance! Ich gebe mir einen Ruck und überwinde meine Scheu, einen Trauernden in seinen Gefühlen zu stören. Ich laufe zu dem älteren, dunkel gekleideten Mann und frage nach dem Grab von Astrid Lindgren. Der Herr sieht mich entgeistert an -  so wie ich aussehe, völlig durchnässt, wundert es mich nicht. Er zuckt mit den Schultern und geht! Jetzt stehe ich also auch im übertragenen Sinn im Regen! Meine Hoffnung, zwischen diesen vielen Gräbern “unser Grab” ausfindig zu machen, ist jetzt gleich null. Da fällt mein Blick auf den Grabstein direkt vor meinen Füßen, da, wo der trauernde Mann eben noch gestanden hat, und ich erblicke überrascht die einfache, schöne Unterschrift der Schriftstellerin: Astrid Lindgren. Darunter *14.11.1907 +28.1.2002, Näs. Die Schrift ist in einen mittelgroßen Natur-Findling, der in der Mitte des Grabes liegt, eingemeißelt.

 

Ich winke meine Familie herbei.

 

Jetzt haben wir doch noch Zeit, uns das Grab in Ruhe anzusehen. Ein paar Blumen liegen bereits auf dem Stein. Ich bedauere, dass ich nicht selbst daran gedacht habe und fühle mich etwas armselig. Ich pflücke wild wachsende lila Blümchen (sehr hübsch, finde ich), die an der Mauer, unweit vom Grab, entlang wachsen und lege sie um den Namenszug der Schriftstellerin. Ich lese die Namen der Verstorbenen der Familie Ericsson, Astrids Herkunftsfamilie. Ich kann sie zum Teil zuordnen. Ich entdecke neben Schnittblumen, einem Blumentopf und einem Briefchen einen kleinen Rosenkranz.

 

Meine Gedanken wandern zurück in meine Kindheit. Astrid Lindgren hat sie erhellt, hat ihr Leben und Farbe verliehen! Sie war eine Lichtfigur, ein Engel, ja, ein Erzengel für das kleine schüchterne Mädchen, das ich damals war.

 

Ich stehe noch immer am Grab. “Hallo, Astrid Lindgren, hier bin ich!” Ich blicke lange auf den schlichten Grabstein. “Und adieu, ich komme wieder!” Zu mehr Gedanken bin ich nicht fähig. Wir sind alle sehr geschlaucht.

 

Am Abend besuchen wir den Italiener in Vimmerby zum Pizza essen, wären aber lieber in “Lindgrens Restaurant” gegangen. Doch das war geschlossen. Wir wärmen uns bei heißer Pizza und dampfendem Tee auf. Dann spazieren wir die wenigen Meter zum Hotel. Nein, wir müssen noch unsere Postkarten einwerfen! Erst danach kehren wir heim in unser praktisches Familienzimmer und nehmen die ersehnte heiße Dusche. Die Kinder fallen ins Bett. Unser Sechsjähriger muss seine Müsse und Büsse mit in sein Schlaflager nehmen, verständlich! Wie ein kleiner, zufriedener (B)engel mit Schirmmütze und Gewehr schlummert er ein. Papa und Mama stehen an seinem Bett und folgen seinen gleichmäßigen Atemzügen. Auch unsere Tochter ist schnell eingeschlafen. Wir beobachten ihr zufriedenes Gesicht. Wovon sie wohl heute Nacht träumen wird? Dann kommt die Zahnfee und ersetzt den dicken Backenzahn, den unser Mädchen unter sein Kopfkissen gelegt hat, mit der schönsten auffindbaren schwedischen Krone.

 

Wir, Papa und Mama, sind glücklich. Wir haben unseren Kindern - und uns selbst - ein unvergessliches Geschenk bereitet, das wir immer im Herzen tragen werden. Die zwei wunderbaren Tage in Schweden, bereichert mit den kostbarsten Erlebnissen, mussten festgehalten und geteilt werden mit dir, werter kleiner und großer Leser, werte Leserin!

 

Vielleicht hast auch du Lust bekommen, Astrid Lindgren und ihre liebenswerten kleinen Freunde im schwedischen Vimmerby zu besuchen? Oder, du willst eines deiner alten Astrid-Lindgren-Bücher heraussuchen, um es noch einmal zu lesen? Möglicherweise willst du dir eines in der Bücherei besorgen oder für deine Kinder kaufen, eventuell möchtest du einer CD lauschen oder einen Film von Astrid Lindgren ansehen? Tu es! Du wirst eintauchen in eine liebenswerte Welt von gestern und vorgestern, deren Botschaft ewig ist. Es ist die Aufforderung zu Liebe und Verständnis gegenüber Kindern.

 

Morgen geht die Fähre, wir müssen schon beim ersten Hahnenschrei aufstehen, um nach Trelleborg zu fahren. Dann werden wir übersetzen nach Rügen, um dort noch eine herrliche Spätsommerwoche zu verbringen, bevor wir die Heimreise antreten in unser hübsches Städtchen.

 

 

 

Auf Wiedersehen, Astrid Lindgren!

  

 

  

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