Ich lebe in Franken, liebe das Meer und suche das Mehr. Friesland ist mein Synonym für Weite, der Norden meine Metapher für Sehnsucht nach Sinn.  

 

 

                             © Franka Frieß

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Wie blau ist das Meer?

 

 

Aus meinem Buch GutSchlechtGut

 

 

Und da war er, der Gedanke. Wie hatte sie ihn ersehnt! Schön und eigen war er, dieser Gedanke. Aus ihrem Inneren strömte er. Er kam und ging und ließ sich nicht betören. Niemand konnte ihn fangen, niemand konnte ihn festhalten, auch sie nicht. Er war frei wie das Wasser, frei wie der Blitz, frei wie der Sturm. Er kam und ging und ließ sich nicht betören.

Hörte sie Glocken? Es war drei Uhr. Freitag. Ja, die Glocken läuteten, sie jubilierten.

Ihre Seele schwang sich auf, hinauf in die Höhe des Himmels, hinunter in die Tiefe des Meeres, hinein in die Mitte der Erde, hinaus in die Ferne des Horizontes. Blau war es ganz oben und  ganz unten, ganz draußen und ganz drinnen. Ihr Gedanke war höchstoberlich und tiefstunterlich, innigstinnerlich, äußerstäußerlich.

 

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Mutters kleiner Ritter war krank, sehr krank. Mama und er puzzelten, sie wollten sich die Zeit vertreiben. Ein Puzzle von tausend Teilen war es. Das Meer fehlte noch, das dunkelblaue Meer. Nur noch dreizehn, zwölf, elf Stück ... Etwas stimmte nicht. Der kleine Ritter zählte. Es mussten noch elf Teile hinein. Es gab aber nur noch zehn. Ein Puzzleteil fehlte.

Sie schauten überall nach. Sie suchten und suchten. Wie im Fieber suchten sie, doch fündig wurden sie nicht. Ein Loch blieb im Meer. Nichts zu machen! Ein Loch blieb im Meer.

 

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Und dann, im Traum, erhob der kleine Ritter seine Stimme und sang voller Wehmut: „Wie blau ist das Meer? Wie blau ist das Meer? Wie blau ist das Meer?“

Woher kannte er dieses Lied? Die Mutter war überrascht. Wie schön er doch sang, melodiös, und kräftig! War es ein Lied des Abschieds, ein Lied des Schmerzes, ein Lied der Sehnsucht, ein Lied im Fiebertraum? Sie seufzte. Wenn er doch gesund werden würde, ihr kleiner Ritter!                                                                              

Und da war er wieder, der Gedanke. Der Gedanke an die Bläue des Meers. Aus der Weite strömte er ein in den Geist der Frau. Würde sie bald  gehen müssen  oder  der Sohn? Wie lange währte die Zeit der Mutter? Wie lange währte die Zeit des kleinen Ritters?

 

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Die Frau war unruhig und rastlos. Sie suchte einen Ort, wo sie zur Ruhe kommen, dem „blauen Gedanken“ nachhängen konnte. Ein Meer voller Zeit wollte sie dafür haben. So suchte sie nach einem neuen Domizil für sich und ihre Welt des Fragens nach der Bläue des Meeres.

Am Sonnabend fuhr sie los und brauchte lang. Eine Ewigkeit lang. Sie lauschte im Auto einer CD. Da war sie, die Stelle: „Wie blau ist das Meer?“ Sie hatte das Lied gefunden! Sie blickte zur Straßenseite. „Wie blau ist das Meer?", "Wie blau ist das Meer?", "Wie blau ist das Meer?“ ertönte es aus dem CD-Player. Das musste es sein, das Haus, das sie suchte! Sie chauffierte weiter, bog nach rechts ein. Die Frau summte zur Melodie des sehnsüchtigen Gesangs. „Wie blau ist das Meer?“

In diesem Moment krachte es. Der Laster fuhr in sie hinein. Ein kurzer, heftiger Schmerz folgte. Das Auto  der  Frau kam  zum  Stillstand.  Die Musik  dröhnte.  Sie  blieb  nicht  stehen, sondern wiederholte kapriziös: „Wie blau ist das Meer?“ Die Stimme hatte einen metallischen Klang. Aus dem Hirn der Frau schlängelte sich etwas, der „blaue Gedanke“. Wie ein Drachen schlängelte er sich in des Himmels Bläue. Und dann hörte sie Glocken. Es war drei Uhr. Sonnabend. Die Glocken läuteten, ja, sie jubilierten. Ihre Augen drehten sich nach innen, da sah sie das Meer.

Es ist azurblau, das Meer. Der Himmel spiegelt sich darin.

Die Frau bebte vor Glück. Sie war angekommen. Am Meer, das sie immer gesucht hatte. Sie erkannte die Schattierung der Wellen, ihre aufbäumende Gischt, das Dunkel des Untergrundes. Und plötzlich vernahm sie die Stimme ihres Sohnes. „Mama?“ Sie öffnete ihre Augen zu einem Spalt, da blickte sie in seine Augen. Blau-grün schimmerten sie. Tränen rannen über seine Wangen. „Mama?“

Musik ertönte. Fanfaren erklangen. Ein Zeichen ward gegeben. Der kleine Ritter stieg auf einen Turm und schmetterte aus voller Kehle, mit zitternden Lippen: „So blau ist das Meer! So blau ist das Meer! So blau ist das Meer!“ 

Dann begab er sich zu ihr. In seinen Händen trug er das fehlende Puzzlestück, das letzte Teilchen ihres Lebens. Er reichte es ihr mit leiser Stimme: „Hier, Mama! Hier ist, was wir gesucht haben!“ Dankend nahm die Mutter das Teilchen. „Mach es gut, mein geliebter Sohn! Ich werde dich beschützen!"

 

Eine Umarmung.

 

Und dann schwamm sie los, ins Meer voller Glückseligkeit. Es ist azurblau, das Meer. Der Himmel spiegelt sich in ihm.

 

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Der kleine Ritter aber gesundete und wuchs heran. Er entwickelte sich zu einem Menschen voller Sehnsucht nach dem blauen Gedanken. Wie seine Mutter suchte er sein Leben lang nach ihm und wurde nie müde zu fragen „Wie blau ist das Meer?“

 

 

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                             © Franka Frieß