Die zweite Reise zu Astrid Lindgren

 

 

 

 © Franka Frieß - Die Bilder wurden von meiner damals neunjährigen Tochter gezeichnet. 

 

 

Hallo Astrid, hier sind wir wieder!“ Diese Begrüßung steht am Anfang meiner zweiten Reiseschilderung, denn die Fahrt knüpft an den vorjährigen Schwedenbesuch an. Da haben wir der berühmten Kinderbuchautorin Astrid Lindgren versprochen wieder zu kommen. Im August 2008 nun ist unsere Familie mit den dreieinhalb Astrid-Lindgren-Fans erneut unterwegs: Unsere inzwischen zehnjährige Tochter, die fast alle Kinderbücher der Autorin gelesen hat und unser Sohn von inzwischen sieben Jahren, ein besonderer Michel- und Rasmus-Fan. Dann sind da wir Eltern, Mama mit dem größten Hintergrundwissen über die Schriftstellerin und Papa, ein Halbfan. Er gibt zu, dass er noch kein Buch von Astrid Lindgren gelesen hat. An ihrer Person ist er jedoch interessiert, und er liebt ihre wunderschöne Heimat, das Småland, ebenso wie wir alle. Und auch die tollen Kinderfilme mag er wie die Vollfans.

 

Obwohl die zweite Reiseschilderung wie ein Brief an Astrid Lindgren zu beginnen scheint, ist sie natürlich nicht nur an sie gerichtet. Sie liest meine Reisebeschreibung im Himmel sowieso, da bin ich mir sicher. Sie kann das Lesen ja nicht lassen, und wer Astrid Lindgren glücklich machen will, muss ihr Lesestoff besorgen! Ich bin überzeugt, der liebe Gott ist ständig damit beschäftigt, seiner Leseratte Astrid frisches Futter zu besorgen...

Nein, meine Schilderungen sind natürlich für alle Kinderfreunde, Astrid-Lindgren-Fans und Schweden-Liebhaber verfasst und für dich, kleiner Lesewurm, für den Astrid Lindgren in erster Linie geschrieben hat!

Diesmal wird es nicht eine Chronologie, sondern ein Puzzle, das du am Ende zu einem Ganzen zusammensetzen kannst. Und diesmal, 2008, haben wir für das Småland mehr Zeit mitgebracht als bei unserem zweitägigen Besuch im letzten Jahr: Genau 13 Tage!

 

Nun aber zur Sache:

 

Bei unserer Ankunft und Abfahrt in Schweden regnet es jeweils heftig. Typisch, denken wir, das kann ja heiter werden! Zwischen Beginn und Ende unserer Ferien in Schweden aber liegen Gott sei Dank sonnige und nur leicht bewölkte Tage. Nur zweimal regnete es heftig. An einem dieser Regentage habe ich an einer interessanten Führung teilgenommen, die bei Sonnenschein natürlich doppelt so viel Spaß gemacht hätte. Auf meine skeptische Anmerkung zum Wetter hin sagte die junge Führerin nur: “Das bisschen Regen!” Und sie meinte es auch so. Echt schwedisch! Mehr zu dieser Führung bei strömendem Regen später...

 

Die Småländer sind, wenn du so willst, die Schwaben Schwedens. “Schaffe, schaffe, Häusle baue” könnte man sicher auf schwedisch übersetzen. Und wenn die Menschen im Småland heute noch so sind wie Astrid Lindgren sie charakterisiert, dann waren die Vermieter unseres ersten Ferienhauses das negative Extrem dieser Beschreibung. Sie waren nämlich ziemlich knickerig! Laut den Michel-Büchern sind die Småländer sparsam, (geschäfts-)tüchtig, ja sogar geizig. Man denke da an den sparwütigen Vater, den jede Öre reut, welche sein Sohn Michel ausgibt. Dem Sparfuchs wird bange bei den “unnötigen” Einkäufen seines Filius`, einer Limonade etwa, einem Brotschieber, einem Samtkästchen für die Schwester Klein-Ida. Und so war unsere Ankunft im ersten Ferien-Häuschen ernüchternd. Wir fanden kein Spültuch vor, kein Abtrockentuch, kein Spülmittel, keine Filtertüte und keinen Kaffeepulverrest, welche wir sonst auf unseren Reisen von unseren Vormietern übernehmen. Alles ist weg! Kein Gramm zuviel vom Speck! Ich kann mir vorstellen, die Vermieter brauchen die Essensreste der Mieter auf, um Geld zu sparen wie einst der so sparsame Vater von Michel. Alles ist also knapp bemessen. Und dazu noch dieser widerliche Regen, der uns den Gepäcktransport vom Auto zum Haus sehr erschwert! Der erste Tag im Småland ist kein Bilderbuchtag...

Aber, es gibt noch das positive Extrem des Småländers, die sparsame, tüchtige, gleichzeitig großzügige Wesensart. Gott sei Dank ähneln unsere zweiten Vermieter dieser Variante, die in der Mutter von Michel verkörpert ist. Im zweiten Ferienhaus nämlich gibt es Spülmittel, Handtücher, Gewürze wie Salz und Pfeffer, Duschgel und Waschpulver, Toilettenpapierreserven, Filtertüten, Kerzen und Streichhölzer. Unsere Kinder entdecken in einer Abstellkammer sogar tolle Spiele, etwa ein nagelneues Wikinger-Schachspiel. Wir spielen es einen sonnigen Tag lang auf der Riesenwiese hinter dem Haus, welche zu einem 4000 qm großen Terrain gehört. Das Spiel besteht aus Holzquadern, die auf einem Spielfeld aufgestellt werden. Über eine Mittellinie hinweg müssen die gegnerischen Holzblöcke umgeworfen werden. Dieses urige Spiel führen wir in verschiedenen Parteien durch: Dunkel- gegen Hellhaarig, Männlein gegen Weiblein, Kinder gegen Erwachsene, Schwester gegen Bruder. In unserer Familie ist zufällig alles gleichmäßig aufgeteilt. Das ist praktisch und hilft oft bei Entscheidungen!

Doch nun wieder zum ersten Ferienhaus, wo uns neben der Vorratsknappheit noch eine Überraschung die Stimmung verdirbt. Das “Trockenklo” aus dem Internet entpuppt sich als etwas, woran wir nicht gedacht hatten. Ich hatte im Auto ja noch getönt: “Trockenklo, das ist bestimmt ein Vakuumklo wie im Flugzeug. Wenn man die Spülung betätigt, rauscht es laut“. Nichts von alledem. Es plumpst! Wir haben ein Sondermodell Marke Plumpsklo. Oder eine Trisseboda wie bei Michel im Buch. Während der Reise hierher hatte noch jemand getönt: “Ich weihe das Klo ein!” - “Nein, ich!“ - “Nein, ich!” Unsere beiden Kinder sind plötzlich zurückhaltend und haben das Interesse verloren. Wer ist mutig? Mama! Sie ist halt doch das Mädchen für alles. Auch hier. Wir nehmen es positiv. Wir lesen und hören nicht nur von Michels Klohäuschen und bestaunen die idyllisch nachgebaute “Trissebude” im Örtchen Katthult, dort, wo die Michelfilme gedreht worden sind. Nein, wir benutzen ein echtes Plumpsklo, sieben Tage und Nächte lang. Wer Michel aus Lönneberga verstehen will, muss selbst aufs Plumpsklo...

 

 

 © Franka Frieß: Alle Bilder

 

 

Oben siehst du unser Plumpsklo! Außen sieht es doch recht hübsch aus, oder? Mit Herz versehen steht es in einem Schuppen im tiefsten Småland. Denn dort, gut versteckt hinter Kiefern und Föhren, steht die kleine rot gestrichene Kate. `Was ist das, eine Kate?`, wird der kleine Leser fragen. Eine Kate ist ein einfaches, ärmliches kleines Bauernhaus. Das Wort wird im Norddeutschen gebraucht und ist im süddeutschen Raum nicht geläufig. Wenn du aber Geschichten von Astrid Lindgren liest wirst du ihm ganz sicher begegnen!

Das Bauernhäuschen ist eigentlich ein kleines Traumhaus, ausgenommen oben genannter Widrigkeiten. Der Garten, Idylle pur. Der Rasen erstreckt sich über kleine sanfte Hügel, aufgelockert durch Felsen und Findlinge, deren es so viele im Småland gibt. Umrandet ist er von duftendem, Meter hohem Phlox in verschiedenen Weiß-, Rot-, Violett- und Rosé-Tönen.

 

  © Franka Frieß

Was wir ständig als lautes Hintergrundrauschen hören ist das ewige Plätschern des nahe gelegenen Wasserfalls. An ihm finden unsere Kinder einen schönen roten Flusskrebs. Was für ein Erlebnis, das Tier zu beobachten, wie es langsam eine Spalte zwischen den Steinen ansteuert, um sich zu verkriechen!

 

                                                © Franka Frieß

Was wir sonst noch finden an Getier? Eine Ringelnatter und eine undefinierbare graue Riesenschlange, die sich unter der Veranda in der “Souterrainwohnung” eingemietet hat. Und eine Unzahl von Stechmücken. Die schwedischen Elche beobachten, streicheln und füttern wir in einem urigen Tierpark, dessen Besitzer auch ein echter Småländer sein dürfte mit viel Gespür für Ideen.

 

  © Franka Frieß: Alle Bilder

Vögel hören und sehen wir erstaunlicher Weise nicht. Wir fragen uns: Sind die schon abgezogen? Es ist Mitte August und der Weg Richtung Süden ist weit. Die Zugvögel müssen ja erst über Deutschland und dann noch weiter südwärts. Bei uns sagt eine alte Bauernregel “An Mariä Geburt fliegen die Schwalben furt“. Das Fest ist am 8. September. Bis zu diesem “Abflugtermin in Deutschland” haben die Vögel die Etappe Schweden-Deutschland bestimmt zurückgelegt. Könnte also stimmen, unsere Theorie... 

 

                                   © Franka Frieß

Wir wohnen in einer zweistöckigen Kate mit niedrigen Zimmern. Daneben gibt es mehrere Schuppen, in die wir hineinspitzen können. Wenn keine Mieter da sind, wird hier getischlert und gezimmert, so wie bei Michel. Wir haben eine Sauna in einem Extra-Schuppen, einen Erdkeller und unser Plumpsklo. Die Nachbarn sind nicht in Blickweite. Wir fühlen uns wie die Menschen vor einem Jahrhundert, die das Land hier urbar gemacht haben. Sie haben dieses idyllische Fleckchen Erde dem Wald und der Wildnis entrissen. Diese Kate passt sehr gut zu unserem Astrid-Lindgren-Besuch, denn es könnte ein armes Häuslerhaus sein, wie die Schriftstellerin es beschrieben hat in “Das entschwundene Land”. “Häusler” waren einfache Menschen, die in bescheidenen Häusern, ja Hütten, lebten. Sie suchten die großen Bauernhöfe auf, um dort bei der Arbeit, bei der Ernte etwa, zu helfen. Das war ihr Broterwerb, sie besaßen nur wenig Land, von dessen Ertrag sie nicht leben konnten.

Wir fühlen uns zurückversetzt in das Pferdezeitalter, von dem Astrid Lindgren so gern erzählt. Mein Mann, zeitweise ich, sitzen morgens, wenn die Kinder noch schlafen, auf der weiß gestrichenen Eingangsveranda mit Blick auf eine kleine Brücke. Unter uns, das wissen wir erst später, träumt unser “Haustier“, die Riesenschlange. Wir träumen uns in vergangene Zeiten. (Hier wird auch die Idee geboren, über das Leben meiner Großmutter zu schreiben, einer einfachen Bauersfrau im Spessart. Sie hat elf Jahre vor Astrid Lindgren das Licht der Welt erblickt. - Inzwischen habe ich die Geschichte "Sehnsucht nach dem Norden" in meinem Buch GutSchlechtGut veröffentlicht.)

Habe ich bereits von Felsen und Findlingen erzählt? Ja! Das Småland ist ein felsiges Land voller kahler, teils bemooster Riesenbrocken aus Gletschergestein. Sie “liegen” überall “herum“, ein “stein-reiches” Land. Da gibt es zum einen Wiesenflächen, auf die Steine wie von Riesenhand geschüttet sind. Zum anderen gibt es Äcker, an deren Rändern die Steinbrocken sauber aufgeschichtet wurden. In den vergangenen Jahrhunderten mussten die Menschen mit großer Mühe diese Findlinge beiseite räumen, um eine Fläche zum Bebauen zu schaffen. Bei Astrid Lindgren lesen wir, dass die Steine, die von ihrem Geburtsort Näs weggeräumt wurden, einen Gehsteig von 60 km Länge ausmachen würden.

Gleich am Tag nach unserer verregneten Ankunft fahren wir zum Astrid-Lindgren-Zentrum, das im Jubiläumsjahr 2007 eingeweiht worden ist. Es liegt in unmittelbarer Nähe zum Geburtshaus Näs am Rande der Kleinstadt Vimmerby. Hier waren wir im Vorjahr etwas traurig vor verschlossenen Türen gestanden und haben versprochen wiederzukommen... Hallo Astrid, hier sind wir wieder!

Das Zentrum besteht aus einem modern wirkenden Glas-Pavillon mit einem Filmsaal, einem Ausstellungsraum, einer großen Empfangshalle mit Verkaufstheke und einem hübschen Café. Es ist Montag Morgen, der erste Tag nach unserer Ankunft im Plumpsklo-Idyll. Weder haben wir ein anständiges Frühstück im Magen noch haben wir ein ordentliches WC besucht. Wir eilen mit einem Mordsappetit zur Selbstbedienungstheke. Dort werden wir von einer netten jungen Schwedin mit braunen geflochtenen Zöpfen bedient. Ihr Name ist Sofie, das lesen wir auf der Rechnung. Sofie werden wir noch einige Male aufsuchen, denn ihr Kaffee ist einfach klasse. “Der beste Kaffee von Vimmerby!” pflege ich zu sagen. Sichtlich erfreut über dieses Kompliment zeigt sie mir die Packung, aus dessen Inhalt sie dieses wunderbare Gebräu herstellt. Wir wählen belegte Brote, Gebäck (sehr süß!), Kaffee und Kakao zum Frühstück und setzen uns an einen großen Tisch vor einem riesigen Schwarz-Weiß-Foto. Es zeigt Astrids Geburtshaus. Vor diesem erkennen wir die Familie Ericsson (Astrids Herkunftsfamilie) und das Gesinde im Jahr 1914 etwa.

 - Der kleine Leser wird fragen: Gesinde, was ist das? Ich will es dir erklären: Gesinde, das sind die Knechte und Mägde, die Angestellten also, die früher auf einem Bauernhof bei der Arbeit geholfen haben. Sie lebten teilweise auf dem Hof mit, hatten eine eigene Stube oder sogar ein Häuschen in unmittelbarer Nähe zum Bauernhof, zumindest ein ausklappbares Bett in der Küche oder sonstwo im Haus. Alfred ist solch ein Knecht und Lina solch eine Magd in den Michel-Erzählungen. Ohne ihre Arbeit hätte eine Bauernfamilie nicht überleben können. -

Wir sitzen auf einer langen grauen Holzbank vor dem besagten Bild und haben das Gefühl, zu der großen Bauernfamilie mit Gesinde zu gehören. Ein tolles Gefühl! Fotografieren ist jetzt ein Muss. Sohn und Tochter machen je eine Aufnahme von ihrer Familie mit der großen Ericcson-Familie im Hintergrund.

 

 

  © Franka Frieß

 

Plötzlich gesellt sich zu uns ein alter Herr, der mit seiner Frau am Nebentisch gesessen und uns beobachtet hat. Er spricht Deutsch wie so viele Schweden und erzählt von seiner lebenslangen freundschaftlichen Verbundenheit mit Astrid Lindgren. Mit Tränen in den Augen berichtet er, wie er die alte Dame drei Monate vor ihrem Tod noch einmal hier in Näs getroffen hat. Er schwärmt, welch großartige Frau Astrid Lindgren war. Ich pflichte ihm bei, mit einem Kloß im Hals. Auch ich bin begeistert von dieser eigenwilligen, herben, geradlinigen Frau mit dem trockenen Humor und dem großen Herzen für Kinder. Beim Lesen ihrer Bücher und beim Ansehen ihrer Filme fühlte ich mich als Kind ernst genommen. Und ich hatte den Eindruck, hier ist ein Mensch, der meine Sehnsucht stillt, meine Sehnsucht, verstanden zu werden. Heute noch, wenn ich eines ihrer Kinderbücher nochmal lese oder mir ein noch nicht gelesenes vornehme, habe ich das beruhigende Gefühl, diese Frau spricht tief zu meinem Kinder-Ich, welches im Inneren meiner Erwachsenen-Seele schlummert. Sie tröstet, ermutigt und belebt es.

Zum Abschied überreicht uns der gesprächige alte Herr seine Visitenkarte. Er bittet uns, ihm eine Karte aus unserer Heimat zu senden. Das ist bereits geschehen. Ich habe ihm die schönste Ansichtskarte von unserem fränkischen Städtchen geschickt und eine Kopie dieser Reiseschilderung beigelegt. Ich hoffe, sie wird den geistig so aufgeschlossenen älteren Herrn interessieren!

 

Normaler Weise erwähne ich Nebensächlichkeiten wie Toiletten nicht. Vor dem Hintergrund unserer Plumpsklo-Idylle seien sie mir aber bitte erlaubt! Die Toiletten im Astrid-Lindgren-Zentrum sind nämlich spitzenmäßig: Fließendes Kalt- und Warmwasser, eine Köstlichkeit! Spiegelschrank mit Papiertüchern, Flüssigseife und Pappbecher zum Entnehmen, ein Luxus! Im Vergleich zu den sanitären Anlagen in unserer Kate ein paradiesisches Angebot! Wir werden diese wunderbaren Toiletten in den kommenden Urlaubstagen noch öfters besuchen. Und wir können sie jedem Reisenden empfehlen, ebenso wie den herrlichen Kaffee natürlich.

Empfehlen können wir selbstverständlich in erster Linie das Zentrum selbst. Es ist vielseitig angelegt und gibt einen sehr guten Eindruck in das Leben und Werk der Schriftstellerin. Die Ausstellung über die Person Astrid Lindgren hat unseren Kindern besonders gefallen. Hier werden stylisch bearbeitete Kurzfilme über das Leben der Schriftstellerin gezeigt. Es gibt Skulpturen, Bilder, Fotos, Andenken verschiedener Art.

 

Falls du planst, lieber Leser, liebe Leserin, selbst einmal zum Astrid-Lindgren-Zentrum zu fahren, will ich dich bitten, hier nicht weiter zu lesen! Denn sonst würde ich dir eine Überraschung nehmen. Überspringe also den folgenden Absatz!

 

 

 

In der Mitte des Ausstellugsraumes nämlich steht eine gewaltige, circa vier mal fünf Meter große Schatztruhe. Von ihr geht, tritt man nur etwa einen Meter an sie heran, ein Mordsradau aus. Ein Etwas darin prustet und gurgelt, zischt, poltert und rasselt, dass es dir den Schweiß auf die Stirn treibt. Du kannst durch kleine Spalte in unterschiedlicher Höhe in das Innere gucken. Erschrocken entdecken wir hinter den Gucklöchern ein Riesenungetüm. Wer es als erstes entdeckt hat? Natürlich unser Jüngster, der einen Sinn für Verbotenes hat. In humoriger, typisch lindgrenscher Weise steht neben den Spalten in großen auffallenden Buchstaben in verschiedenen Sprachen: “Nicht hineingucken!” Und welcher Besucher kann da der angeborenen Neugierde widerstehen? Du linst also durch den jeweiligen Spalt und es spähen dich feurige, glühende grüne Augen aus dem Innern an. Unseren Sohn reizt das Gespenst ganz besonders. Viele Male lässt er es poltern und seufzen, indem er weg und wieder nah heran tritt. Papa ist natürlich an der Technik des Ganzen interessiert und erklärt uns, wie dieses Gespenst funktioniert. Wir alle sind fasziniert von dem Ungetüm in der Truhe und amüsieren uns, zugegeben gemeiner Weise, über das erschrockene Benehmen der anderen Gäste. Wir beobachten, wie sie entgeistert zurückfahren, nachdem sie hinein gespinxt haben und dem schrecklichen Poltergeist begegnet sind.

 

 

 

Und hier darfst du weiter lesen!

 

Wir alle haben uns auf die eine oder andere Weise auf die zweite Begegnung mit der beliebten Schriftstellerin vorbereitet. Ich habe im Vorfeld nochmals ein paar Bücher von Astrid Lindgren - zum Teil nach Jahrzehnten - gelesen: “Bullerbü“, “Karlsson” und “Ferien auf Saltkrokan“. Vor allem das letztgenannte Buch hat mich prima auf unsere Ferien eingestellt. Ich träumte beim Lesen wieder wie im Backfischalter von der schönen Schäreninsel. - Die Schären sind nicht Scheren zum Schneiden, obwohl sie sich fast so anhören! Nein, es sind kleinere und größere flache Felsen im Wasser. - Ich erinnere mich, wie ich als circa zwölfjähriges, etwas dickes Mädchen die pummelige, fröhliche Tjorven bewundert habe. Und ich erinnere mich, dass die Serie im Fernsehen - ich glaube Sonntagnachmittag - lief. Damals verguckte ich mich in diese wundervolle Schärenlandschaft, meine Liebe zu Skandinavien wurde geweckt. Sie führte mich als zwanzigjährige Studentin für eineinhalb Jahre nach Norwegen. Viele Erinnerungen werden bei der Begegnung mit alten Büchern oder Filmen wach!

 

Unsere Kinder haben einige ihrer dicken Jubiläums-Bücher vom letzten Weihnachtsfest gelesen: “Die Kinder aus Bullerbü” liest unsere Tochter noch einmal während der Reise. Sie hat dreiviertel der Bücher gelesen und hat sich damit für den Club der Astrid-Lindgren-Kenner qualifiziert. Unser Sohn hat Rasmus und Karlsson im Gepäck.

Unten kannst du die Jubiläumsausgabe von 2007 sehen. Das sind die gesammelten Werke von Astrid Lindgren, ein Weihnachtsgeschenk für unsere beiden Kinder. Davor steht ein kleines Souvenir-Schwedenhaus. Rechts auf den Büchern sitzt ein weiteres Mitbringsel unseres Sohns, ein geckiger Elch als Motorradfahrer. Und links ein typischer Jylenissen, ein Weihnachtszwerg. Wer könnte dem Charme der beiden widerstehen?

 

 

                                                                    © Franka Frieß

 

Meine Urlaubslektüre besteht aus insgesamt drei biographischen Büchern. Die Lebensschilderung von Sibyl Gräfin Schönfeldt, die ich vor unserer ersten Reise bereits gelesen habe, nehme ich mir jetzt noch einmal vor. In dem kleinen Verkaufsladen neben Astrids Geburtshaus erstehe ich eine zweite Biografie von Margareta Strömstedt, welche ich regelrecht verschlinge. Zudem kaufe ich mir “Das entschwundene Land“, in dem Astrid u. a. die lebenslange Liebesgeschichte ihrer Eltern schildert. Vielleicht ist auch diese glückliche Ehe ein Schlüssel zur ungetrübten Kindheit der Kinderbuchautorin. Nach ihr wurde sie ja sehr häufig befragt. Astrid Lindgren selbst pflegte “Freiheit und Selbstbestimmung” zu antworten. Und sie meinte damit die Möglichkeit zu ausgeprägtem freien Spiel mit den Kindern aus Familie und Nachbarschaft auf Näs. Im gleichen Atemzug nannte sie gewöhnlich die notwendige Mitarbeit in Hof und Feld.

Bei unserem Antrittsbesuch im Zentrum melden wir uns sofort für die deutsche Nachmittags-Führung in Astrids Geburtshaus an. Wir wollen wissen, wo sie ihre Kindheit verbracht hat. Die Fremdenführerin zeigt uns vieles aus der Zeit, als Astrid Kind war, Kind sein durfte. Ich erinnere mich gut an den schwarzen Hut und den Stock, der neben der Eingangstür hing. Diese persönlichen Besitztümer pflegte Astrids Vater Samuel August dort aufzuhängen, wenn er von außerhäuslichen Verpflichtungen heim kam. Daneben erinnere ich mich an das Harmonium, an dem Astrids Mutter Hannah geistliche Lieder am Abend spielte und sang. Auch meine Mutter setzte sich zuweilen an ihr Harmonium, um Lieder aus dem Gesangbuch zu spielen. Sehr gut im Gedächtnis behalten habe ich das von Astrids Mutter selbst gefertigte Bild mit der Aufschrift “Gott ist Liebe”. - Astrid entstammte einem religiösen Elternhaus. - Alle Dinge im Haus befinden sich da, wo sie in Astrids Kindheit waren. Manche Gegenstände, verschwunden im Lauf der Zeit, wurden wieder dazu gekauft, um die Atmosphäre von damals aufs Neue lebendig werden zu lassen.

 

Unten das Geburtshaus von Astrid Lindgren:

  © Franka Frieß

 

Das bereits erwähnte Lädchen in unmittelbarer Nachbarschaft zum Geburtshaus, allgemein “Boa” genannt, ist eine umgebaute Scheune. Hier wird eine sehr schöne Auswahl von Astrids Büchern auf Schwedisch, Englisch und Deutsch angeboten. Daneben gibt es liebenswerte Souvenirs wie kleine schwedische Häuser als Magnethalter. Zwei Häuser, eines gelb und eines rot, hängen mittlerweile an unserem Kühlschrank und halten Kalenderblätter und Informationen fest. Der Herr, der uns bedient, ist ein Schwiegersohn von Astrids Bruder Gunnar. Auf einem Foto an der Wand zeigt er uns seine Ehefrau, eine der Töchter von Gunnar, also eine Nichte der Schriftstellerin. Bei ihm ist sein vielleicht neunjähriger Enkel, der wiederum der Urgroßneffe Astrids sein muss. Ich spreche den kleinen Blondschopf an und frage, wie er mit der Schriftstellerin verwandt ist. Etwas verdattert kann er es mir nicht so recht erklären. Ist vielleicht auch zuviel verlangt von einem Neunjährigen! Oder mein bescheidenes Schwedisch lässt das Verständnis nicht zu... Wenn ich mich richtig erinnere, hörte ich, wie er seinen Opa mit “Morfar” anredet. Dies bedeutet, der ältere Herr ist der Vater seiner Mutter. Diese genaue Bezeichnung der Großeltern hat mich immer - bereits in meiner Zeit in Norwegen - fasziniert. Im Deutschen gibt es nur die sachliche Bezeichnung “Großvater, Großmutter mütterlicherseits, väterlicherseits”.

Insgesamt dreimal haben wir den kleinen Laden aufgesucht und uns natürlich ins Gästebuch eingetragen. Gunnars Schwiegersohn kannte uns bereits. Er spricht sehr gut Deutsch.

Einen Tag nach unserem ersten Besuch in der “Boa“, wieder einmal an der Verkaufstheke für den besten Kaffee Vimmerbys anstehend, spüre ich Kinderaugen auf mir ruhen. Ich erkenne in der Schlange hinter mir den Urgroßneffen Astrids wieder. “Hej”, rufe ich ihm zu. Er lächelt zurück.

Was wir noch in der “Boa” besuchen, das ist die Ausstellung über die Geschwister von Astrid, die so genannten “Bullerbü-Kinder”, denn sie geben - neben einigen Freunden - die Vorlage für die weltberühmten Bücher. Ihr Bruder Gunnar beispielsweise hat Pate für Lasse gestanden, eine der Hauptpersonen im Buch.

Die Ausstellung wird unscheinbar angekündigt, fast geht der Besucher daran vorüber. Umso liebenswürdiger ist sie! Die drei Geschwister Astrids, Gunnar, Stina und Ingegerd, sind als lebensgroße Schwarz-Weiß-Foto-Pappkarton-Figuren aufgestellt. Um diese ranken sich Geschichten, welche durch Andenken, Erinnerungen und Fotos belegt werden. Die Geschwister haben durchweg eine Tätigkeit, die mit Sprache zusammen hängt. Gunnar schrieb Gedichte und verfasste Artikel für finnische Zeitungen. Er veröffentlichte sechs Chroniken in Wikingersprache! Zudem war er Abgeordneter im schwedischen Reichstag. Stina war Lokalredakteurin bei einer Zeitung in Vimmerby. Sie übersetzte mehr als 200 Bücher aus dem Deutschen, Englischen, Dänischen und Norwegischen ins Schwedische. Sie war das Kind, so Astrid Lindgren, welches das ausgeprägteste Erzähltalent besaß. Sie tat sich in ihrer Kindheit vor allem durch Spukgeschichten hervor. Ingegerd, die Jüngste, widmete sich dem Journalismus und der Übersetzung von Büchern. Im hohen Alter veröffentlichte sie ein Buch über die schwedische Schriftstellerin Anna-Maria Roos. Eine Nichte Astrids, Karin Alvtegen, ist heute eine bekannte Kriminalschriftstellerin in Schweden. Einige ihrer Bücher sind ins Deutsche übersetzt. Und über all diese Schreibtalente ragt eine lebensgroße schwarzweiße Pappfigur. Sie stellt den Vater Samuel August dar, der sinniert: “Was ist das nur für ein sonderbarer Nachwuchs?”

 

Am Abend lasse ich diese bemerkenswerte Ausstellung noch einmal Revue passieren. Ich merke, dass mich manches traurig gestimmt hat. Ich frage meinen Mann: “Geht es Dir auch so?” - “Ja”, antwortet er, “man sieht das Vergängliche! Die Menschen, denen wir in dieser Ausstellung begegnet sind, waren vor ein paar Jahren noch die lebhaften, kraftstrotzenden Kinder von Bullerbü! Jetzt gibt es kein einziges dieser Kinder mehr. Alle sind nicht nur alt, sie liegen bereits seit Jahren unter der Erde.” Ich stimme ihm zu, das ist es wohl, was an der Ausstellung so wehmütig macht, die Erinnerung an unsere Vergänglichkeit! Eine Mahnung geht für mich davon aus, mein Leben zu nutzen, mit all seinen Höhen und Tiefen positiv zu gestalten, meine persönlichen Fähigkeiten zu erkennen und sie nicht brachliegen zu lassen.

Von der Ausstellung im altehrwürdigen Pfarrhof auf Näs, zwischen der oben genannten Boa, dem Geburtshaus und dem Glaspavillon gelegen, möchte ich an dieser Stelle noch erzählen. Sie ist ein Muss für alle Astrid-Lindgren-Pilger. Das gelb-weiß renovierte Gebäude des Pfarrhofes ist heute umstrukturiert in ein Wissenschaftszentrum über Astrid Lindgren und beinhaltet ein Museum und eine Forschungsbibliothek, unter anderem mit Originalwerken der Schriftstellerin und Übersetzungen ihrer Bücher in etwa 90 Sprachen. Im unteren Stockwerk finden wechselnde Ausstellungen statt, die mit ihrem Werk in Verbindung stehen. Im Sommer 2008 ist es eine Ausstellung mit Gemälden aus Astrid Lindgrens Wohnung in Stockholm. Während mein Mann und die Kinder noch einmal nach Bullerbü gefahren sind, statte ich der Ausstellung ganz in Ruhe einen Besuch ab und betrachte die Bilder eingehend. Sie vermitteln einen Eindruck vom Wohngefühl in der Dalagatan in Stockholm, wo die Schriftstellerin sechs Jahrzehnte lang gewohnt hat und schließlich am 28.01.2002 gestorben ist. Die Ausstellung weckt in mir den Wunsch, diese Wohnung einmal in Stockholm zu besuchen, wenn ich wieder einmal - so hoffe ich - nach Schweden reise.

Schließlich habe ich die Gelegenheit, einige Worte mit der Leiterin dieses Wissenschaftszentrums, Frau Lindkvist, zu wechseln. Nach meiner Meinung zu dieser Gemäldeausstellung befragt, antwortete ich ihr, wie sehr die Ausstellung mich beeindruckt, weil sie einen guten Einblick schenkt in das “andere Leben der Schriftstellerin” in Stockholm.

 

Nun aber zu der angekündigten Führung durch Vimmerby bei strömendem Regen: Vom Geburtshaus ausgehend führt sie uns zu diversen Lokalitäten, die mit dem Leben von Astrid Lindgren in Verbindung stehen. Die Führerin verwebt erzählerische Elemente aus dem Werk der Schriftstellerin mit einzelnen Gebäuden und Plätzen. Als erstes stehen wir vor dem Haus des Mädchens, das Astrids lebenslange Freundin war und die Vorlage gegeben hat für Madita. Ganz in der Nähe des roten “Madita-Hauses” befindet sich die Realschule, an welcher alle Ericcson-Geschwister ihre Mittlere Reife abgelegt haben. Wir gehen durch Alt-Vimmerby und erleben, wie es zur Zeit der Schriftstellerin ausgesehen hat. Sehr idyllisch! Es ist in einigen Büchern, z. B. Meisterdetektiv Blomquist beschrieben. Wir sehen das Gebäude mit der Zeitungsredaktion, wo Astrid in jungen Jahren als Volontärin, sprich Mädchen für alles, gearbeitet hat. Wir gehen an dem gelben Laden vorbei, an dem Pippi zehn, nein achtzehn Kilogramm Bonbons - so verbessert mich meine belesene Tochter - einkaufte. Und wir sehen die frühere Grundschule der Geschwister. Der Rundgang endet an Astrids Grab. Hier sprechen wir noch ein wenig über die große Schriftstellerin. Einig sind sich die Führerin, das dänische Ehepaar, das mit mir die kleine Besucherschar an diesem tristen Dienstag ausmachte, und auch ich, dass Astrid Lindgren eine wunderbare Persönlichkeit war. Die Führerin sprach Schwedisch, das dem Norwegischen, der Sprache, die ich mehr oder weniger beherrsche, ähnelt. Beides ist jedoch nicht identisch. So musste ich meine Ohren aufmerksam spitzen, um zu verstehen. Zusammen mit dem Plätschern des Regens und dem übermäßig starken Verkehrslärm an ausgerechnet diesem Feierabend stellte dies eine große Herausforderung an meine ungeübten Ohren dar. Ich gestehe, nicht ohne Stolz, letztlich alles verstanden zu haben!

 

Nun höre ich die neugierige Leserschaft fragen: “Was sonst habt ihr in eurem `Astrid-Lindgren-Urlaub´ gemacht?“ Dieser Aufforderung zum Erzählen will ich gerne nachkommen!

 

Wir waren wieder im Kinderpark Astrid-Lindgrens-Welt, dieses Mal sogar an zwei Tagen hintereinander. Zugegeben, der Preis ist hoch für eine Familie, aber er ist es uns wert! Denn viele Schauspieler, sehr gute Musiker, Jazzmusiker, die alle ihr Brot verdienen müssen, sind in diesem einzigartigen Park engagiert. Zwei Tage lang heißt es für uns Theater, Musik, Tanz und Gesang. Es wird geschauspielert, gesungen, getanzt, ganz im Sinne Astrid Lindgrens. Die Vorführungen laufen quasi an einem Stück, nonstop.

 

 

  © Franka Frieß. Alle Bilder

 

 

Wir zäumen das Pferd dieses Mal anders auf und gehen den Rundweg von hinten los. Wer sich an meine Schilderung vom Vorjahr erinnert, weiß, wie sehr mir die Station von Saltkrokan gefallen hat und wie wenig die Kinder Rücksicht auf mich genommen haben. Jetzt bin ich dran! Ich strebe eilfertig diese Station an, auf die ich mich ein ganzes Jahr gefreut habe. Zum Geschrei der Möwen schippert meine Familie und ich durch die Schärenwelt von Saltkrokan und taucht ein in die poetischen Schilderungen Astrid Lindgrens, indem sie Malin, eine gealterte Schriftstellerin, Bilanz ziehen lässt über ihr Leben. Die Frau blättert im Buch ihres Lebens und erinnert sich der wunderschönen Momente, die sie mit ihrer Familie im Schreinerhaus auf Saltkrokan verbracht hat. Dies gefällt uns allen sehr! Sogar ein zweites Mal kann ich die Kinder überzeugen mitzugondeln. Danach besuchen wir Nils Däumlings Haus, das wir aus dem letzten Jahr noch gut in Erinnerung haben. Alles ist überdimensional gebaut, Stühle, Tische, Schränke, Betten. Die Erwachsenen fühlen sich wie die Kleinen.

Dieses Jahr gehen, klettern, balancieren und hüpfen unsere Kinder eine Strecke ab, wo sie nicht den Boden berühren dürfen. Wir kennen das Spiel. Es ist das "Nicht-den-Boden-Berühr-Spiel". Außerdem entdecken wir große Stellwände mit Szenen aus den Büchern von Astrid Lindgren. Darin sind große Gucklöcher, durch die die Kinder und wir Eltern unsere Köpfe stecken. Wir machen unzählige Fotos auf der Digitalkamera. Auf einmal sind wir Pippi, Madita, Michel und Karlsson u. v. m. Wir lachen uns kaputt. “Und du, Mama, hast am komischsten ausgesehen!” fügt meine Tochter hier an. “Warum?” “Weil du den Kopf zu weit rausgestreckt hast!” Aus diesem Grund ist das Foto, das ich hier eigentlich beigeben wollte, gestrichen...

 

Eines Abends, als wir wieder einmal in Vimmerby in unserem Stammgeschäft unsere Lebensmittel einkaufen, beobachte ich eine kleine Gruppe junger Männer, die mir bekannt vorkommen. Ich überlege nicht lange und erkenne in einem den Schauspieler, den wir vor zwei Stunden noch im Park als Abbe in der Szene mit Madita gesehen haben. Jetzt sieht er so normal aus, und ich gestehe, dass er mir am Nachmittag mit seiner Schildmütze besser gefallen hat. `Heute wird weniger Hut getragen, schade´, denke ich im Stillen. Mir fällt bei dieser Gelegenheit auf, dass alle männlichen Figuren im Erlebnispark eine Kopfbedeckung trugen, angefangen von Michel, über seinen Vater und den Knecht Alfred bis hin zum bereits erwähnten Abbe. Die Mützen, Kappen und Hüte sind kleidsam und machen etwas her. Der “hutlose Abbe” bezahlt im Geschäft an der Kasse mit Scheckkarte und geht...

Die Kinder sehen sich diesmal wieder gebannt die Szenen von Michel an. Wir erkennen die Mutter, den Vater, die Magd und Alfred vom letzten Jahr. Alle gefallen uns, nur eine Figur ist uns zu übertrieben. Unsere Tochter ist wieder nicht wegzukriegen. Sohnemann dagegen möchte sich Rasmus ansehen, denn er liest dieses Buch im Moment. So bleibt Papa mit Tochter bei Michel. Mama geht mit Sohn zu Rasmus.

Fasziniert sind unsere beiden Kinder schließlich vom Theaterspiel mit Karlsson. Sie bleiben lange dort. Ich nutze die Gunst der Stunde und schlüpfe noch ein letztes Mal zu meiner Lieblingsstation Saltkrokan in unmittelbarer Nähe. Diesmal gondele ich ganz ohne Anhang an den Schäreninseln vorbei und nehme ein drittes und letztes Mal die Szenen, diesmal auf Schwedisch, in mein Gemüt auf.

Es gibt natürlich noch einige Momente, die mir im Gedächtnis geblieben sind: Bei der Villa Kunterbunt sehe ich nicht nur eine Pippi Langstrumpf tanzen und spielen, die Schauspielerin nämlich, ich erblicke noch eine zweite Pippi Langstrumpf in der Zuschauermenge. Sie gefällt mir, wie sie bescheiden in der vordersten Reihe der vielen kleinen Zuschauer steht und dem Geschehen folgt. Es ist ein rothaariges Mädchen mit Zöpfen, so an die sechs Jahre, ein Kind mit Down-Syndrom. - Hier eine Erklärung für dich, kleiner Leser: Kinder mit Down-Syndrom sind Menschen, die mit einer geistigen Behinderung auf die Welt gekommen sind. Sie sind sehr unterschiedlich wie jeder von uns. Manche von ihnen lernen lesen und schreiben, manche nicht. Meistens lieben sie Musik und Tanz, sind oft richtige Gefühlsmenschen, sehr fröhlich. Sie können andere begeistern. Ich durfte einige in meinem Leben näher kennen lernen, und, weil sie so besonders sind, war das immer ein Geschenk für mich. In diesem Zusammenhang denke ich an den Umgang mit Behinderten in Deutschland. Einerseits ist der behinderte Mensch öffentlich sichtbarer geworden, das ist gut so! Andererseits wird ihm immer mehr das Leben verweigert... - Ehrlich gesagt finde ich das Mädchen in der Zuschauermenge interessanter als die Schauspielerin und beobachte es lange, wie es glücklich den Szenen folgt. Vielleicht ist Pippi Langstrumpf das große Vorbild für dieses Mädchen? Sie ähneln einander so sehr mit ihren roten Zöpfen! Meine Erinnerungen wandern ein Vierteljahrhundert zurück, in die Zeit meines Freiwillig Sozialen Jahres, als ich das Pippi-Langstrumpf-Lied in einem norwegischen Heim mit geistig Behinderten gesungen habe. Eine begeisterte Sängerin war damals - ich nenne sie hier Anne-Lena -, die jedem ans Herz rührte, ähnlich der kleinen bezaubernden Pippi Langstrumpf in der Zuschauermenge!

                                                  © Franka Frieß

 

Von einem Ort, genauer gesagt von seiner alten Kirche möchte ich abschließend noch berichten. Auf dem Weg von Vimmerby nach Sevedstorp (Bullerbü) liegt linker Hand ein kleiner Ort namens Pelarne. Seine Kirche ist imposant. Der mit dunklen Holzschindeln verkleidete Kirchturm ist einige Meter von der Kirche entfernt. Im Innern ist das Gotteshaus wunderschön. Du erblickst mehrere mittelalterliche Holzskulpturen und ein Kruzifix aus dem 13. Jahrhundert. Die Kirche hat viel mit Astrid Lindgren zu tun, genauer gesagt mit ihren Eltern, denn die haben dort geheiratet.

 

Und hier beende ich meine Reise-Schilderungen...

 

Um unseren Kindern die bescheidene Frau hinter den berühmten Figuren Pippi Langstrumpf, Michel aus Lönneberga, Madita & co. bekannt zu machen, haben wir die Reisen zu Astrid unternommen. Unserem Sohn und unserer Tochter haben wir ein Geschenk gemacht, an das sie sich wohl gerne erinnern werden. Ein Geschenk fürs Leben, so sind wir uns sicher. Und wir selbst haben dieses Erlebnis ebenso genossen.

Angetreten haben wir diese Reise am 10. August. Verblüfft stelle ich nach der Heimkunft fest, dass das der Namenstag von Astrid war, mein Abreißkalender verrät es mir. Er ist genau an diesem Tag stehen geblieben. Und am 14. November 2008, Astrid Lindgrens Geburtstag, schließe ich meine zweite Reiseschilderung ab. Diese Zufälle scheinen mir erwähnenswert!

Meine Kinder haben bereits die gleiche Erfahrung gemacht wie ich in meiner Kindheit. Sie haben sich ernst genommen und verstanden gefühlt von dieser Schriftstellerin. Wir alle sind gerührt von Astrid Lindgren und ihren witzigen, skurrilen, traurigen und liebenswerten Helden und Heldinnen! Auf unserem Kühlschrank hängt ein kleiner Magnet mit dem Schwarzweißfoto von Astrid Lindgren, das ich im Astrid-Lindgren-Zentrum erstanden habe. Oft bleibt im Alltag mein Blick an dem verrunzelten Gesicht hängen. Immer habe ich das Gefühl, Astrid Lindgren sieht mich an und spricht persönlich zu mir!

Unsere Familie mit den dreieinhalb Astrid-Lindgren-Fans - sind es inzwischen vier geworden? - denkt gern an die erlebnisreiche Zeit in Schweden zurück und erzählt oft davon. Wir sind uns einig, diese Frau hat uns alle sehr beschenkt und sagen: Danke, Astrid Lindgren!

Und heute am Weltfrauentag, 8. März 2017, während der letzten Korrekturlesung meines Original-Textes von 2008, bin ich über etwas gestolpert. Ich habe den Spruch einer großen Frau anlässlich des Weltfrauentags auf facebook gelesen. Diesen möchte ich dir, liebe Leserin, lieber Leser nicht vorenthalten:

 

"Sei frech und wild und wunderbar!"

 

Astrid Lindgren