Peru

 

Persönliche Reiseschilderungen

 

 

Liebe Leserin, lieber Leser,

 

schön, dass du mir auf meiner persönlichen Reise nach Peru folgen willst ...

Fangen wir doch gleich mit einer philosophischen Aussage des peruanischen Schriftstellers Julio Ramón Ribeyro (1929-1994) an! Ich habe den Gedanken in Miraflores, einem Stadtteil von Lima, der Hauptstadt Perus, "gefunden". Oder hat der Gedanke mich "gefunden"?

 

Ihn möchte ich an den Anfang meiner Reiseschilderungen stellen:

"Ser el eterno forastero, el eterno aprendiz, el eterno postulante, he allí una forma para ser feliz"

 

"Ewig Fremder, ewig Lernender, ewig Bewerber zu sein, das ist ein Weg zum Glück."

 

Viel Spaß beim Lesen!

 

Franka Frieß

 

                                                                     © Franka Frieß

 

 

Heilige Nacht in Cusco

 

 

 

Meine Familie und ich feiern Weihnachten und Silvester 2016/17 in Peru. Mein vierter Besuch in Peru, aber mein erstes Weihnachten dort, noch dazu im Sommer! Wir tauschen das in der Regel besinnliche Fest gegen ein erwartungsgemäß fröhliches ein. Dies alles ist spannend und für mich sehr ungewöhnlich!

  

Im Folgenden gebe ich Eindrücke meiner Reise in loser Sequenz wieder. Sie sind nicht chronologisch angelegt, eher wie ein Mosaik oder ein Puzzle, das sich sukzessive zu einem mehr oder weniger Ganzen füllt.

 

Hier siehst du mich und meine Familie in Cusco, besser gesagt die Füße von uns, noch besser gesagt unsere staubigen Schuhe - von links nach rechts Mutter, Tochter, Sohn, Vater:

 

 

                                    © Franka Frieß

  

 

 

Doch zunächst zum Seniorenheim in Cusco, hoch über der Stadt gelegen,

in dem unsere Tochter ein Freiwillig Soziales Jahr leistet:

 

 

 

 

 - Christmette mit zwitscherndem Vögelchen - 

 

 

Den Heiligabend verbringen wir im Altenheim mit bedürftigen Menschen, die das Glück haben, aus armseligen Verhältnissen aufgefangen worden zu sein, um hier ihren Lebensabend "in Würde" verbringen zu dürfen. So steht es in der Satzung des Vereins.

Wir besuchen die Christmette in der Kapelle und setzen uns in die hinterste Bank, obwohl einige Klosterschwestern uns einladen, nach vorne zu kommen. Wir lehnen dankend ab und bleiben sitzen, zu unsicher sind wir, wie wir uns bei Unerwartetem verhalten sollen. Hinter uns, an die Wand gelehnt, stehen fünf Bewohner mit ihren Musikinstrumenten: Gitarre, unterschiedliche Bongos und ein etwa acht cm kleines getöpfertes Vögelchen mit einer Öffnung zum Hineinblasen. Die Männer werden die Heilige Messe musikalisch gestalten. Diese alten Indios mit ihren vom Wetter gegerbten Gesichtern kommen ernst und nicht wenig stolz ihrer Aufgabe nach, besonders der Alte mit dem tönernen Vögelchen imponiert mir. Er entlockt seinem kleinen Instrument, in das er versiert hinein bläst, trällernde, zwitschernde und jubilierende Töne. Frohe Weihnachten!!!

Das Szenario hinter meinem Rücken, auf das ich immer wieder verstohlen blicke, hat sich meinem Gedächtnis eingebrannt: Fünf Männer, fünf Instrumente, fünfmal Wehmut in den Gesichtern und Gestalten der alten Männer trotz der frohen weihnachtlichen Melodien. Wehmut über die Geburt eines Kindes, heute gefeiert, vielleicht? Wehmut über die unvollkommene Ankunft Gottes in unserer Welt, vielleicht? Wehmut, weil es ihr letztes Weihnachtsfest sein könnte, vielleicht? Die Fragen bleiben für mich unbeantwortet, die alten Männer werden die Antwort selbst wissen oder auch nicht, ich bin lediglich die stille und faszinierte Beobachterin eines fast intimen Schauspiels.

Immer wieder an diesem Heiligabend fällt mir auf, dass die alten Männer, weniger die Frauen, Melancholie ausstrahlen. Ist es der schwarze Anzug, den die Senioren tragen? Sie haben sich schließlich fein gemacht für das große Fest! - In einem Gespräch habe ich mitgekommen, dass einer der Senioren einen Freiwilligen gefragt hat, ob Deutschland in der Nähe von Italien liege. Dort nämlich lebe sein Sohn, seit Jahrzehnten. Er wird ihn sicherlich nicht mehr sehen... Kinder fort, kein Kontakt. Was bleibt: Einsamkeit und Sehnsucht. Daher eine herzliche Bitte in die Runde: Schenke einem einsamen Meschen ein Lächeln, ein freundliches Wort, vielleicht sogar einen Besuch im Altenheim! Ich bin sicher, du wirst selbst beschenkt werden. So banal dies klingt, so wahr ist es doch!

 

Nach dem Schlusssegen ziehen die Gottesdienstbesucher nach vorne in einer langen schweigsamen Reihe, um dem Jesuskind am Altar ihre Reverenz zu erweisen, es zu küssen. Keiner bleibt in der Bank. Nur wir Deutschen... Ich wäre ja mitgegangen, um meine Ehrfurcht zu zeigen, aber das Küssen von Figuren liegt mir nicht. Nur eine Verbeugung vor dem Christkind, das wäre in den Augen der Menschen hier sicher sehr kalt und unpersönlich. So bleibe ich in der Bank sitzen und tue - zusammen mit meiner Familie - nichts. Lediglich vor Verlassen der Kapelle gehen wir zur Krippe nach vorne und schauen uns die lebensgroßen Figuren an.

 

 

-  Ich habe noch nie am Heiligabend getanzt -

 

 

Nach dem Gottesdienst laden uns einige Schwestern ein, in der geräumigen Empfangshalle den Heiligabend mitzufeiern. Zunächst führen sie uns stolz in eine versteckte Nische des großen Grundstückes, zur mannshohen Krippe, die umrahmt ist von einer grün-blau-rot blinkenden, „Stille Nacht“ plus „Jingle Bells“ singenden Lichterkette. Du hast richtig gelesen! Ja. Singend! Unsere Tochter hatte uns schon vor dieser musikalischen Attraktivität gewarnt. -  Diese findest du häufig in Peru zur Weihnachtszeit. Weiße Lichterketten, die nicht blinken, sind der Weihnachtsfreude eines Peruaners nicht angemessen, so versuche ich mich in die südamerikanische Seele hineinzuversetzen. Dieser Geschmack ist für mich schwer nachvollziehbar. In solchen Momenten musste ich mir selbst streng vorsagen: „Andere Länder, andere Sitten!“ 

Die Schwestern sind sehr nett - offen - zu uns, den deutschen Angehörigen einer ihrer Freiwilligen, und führen uns überall herum. Das Altenheim ist pikobello und sehr ordentlich. Unsere Tochter stellt uns den Mitarbeiter/innen und den alten Leuten vor. Wir werden von allen herzlich umarmt und geküsst: „Feliz Navidad!“

Die Senioren, "abuelita"/"Omi" und "abuelito"/"Opi" genannt - im Spanischen liebt man Verkleinerungsformen -, kommen nach und nach aus der Kirche und nehmen ihren Platz in der Runde ein. Apropos: Die Leute sind klein, da bietet sich abuelita oder abuelito durchaus an! Wir Deutsche ragen heraus, die Indio-Frauen und -Männer sind durchschnittlich einen bis eineinhalb Köpfe kleiner als wir.

Einige junge Mädchen bieten selbst gemachten Anisschnaps und Panettone an, ein aus Italien stammender und in Südamerika beliebter Weihnachtskuchen mit Rosinen - ein bisschen verwandt unserem Christstollen. Aber, wer kennt ihn nicht? In jedem vorweihnachtlich bestückten deutschen Supermarkt wird er mittlerweile angeboten in seiner markanten Verpackung. Lecker, der selbst gebackene Panettone, unvergleichlich besser als der gekaufte! Ebenso der süffige Anisschnaps! Danke nochmals an die Küche! Ihr wart sehr fleißig und eure Produkte mehr als gelungen!

Die Atmosphäre ist herzlich. Während ich im deutschen Wohnzimmer vier Wochen nach Heiligabend meinen Erinnerungen nachhänge, nehme ich innerlich die wohltuende Stimmung wahr. 300 minderbemittelte alte Männer und Frauen leben in dieser geborgenen Umgebung, während viele draußen keinen Platz mehr bekommen haben. - Ich denke an Mutter Teresa, die die Ärmsten von der Straße geholt hat. - Das Heim ist ihre große Familie geworden. - Die Menschen scheinen etwas von diesem Geschenk an uns weiterzugeben.

Und dann wird Musik gespielt. Laut und fröhlich tönt es aus den Lautsprecherboxen, es wird zum Tanz in der Mitte aufgefordert. Manche Bewohner/innen werden von Betreuern geführt. Sie tanzen allein, als Paar oder in der Gruppe, einige bewegen sich mit ihren Rollatoren, andere bilden eine Schlange und ziehen durch die Saalmitte. Nach - so scheint mir - ewigem, fasziniertem Zugucken reiße ich mich von meiner Familie los, mische mich ein und tanze mit. Ich ergreife die Hand einer kleinen fröhlichen alten Dame, deren Gesicht vor Freude strahlt wie eine Honigkuchen-Figur und reihe mich ein in den Kreis. Gerne hätte ich hier ein Foto von dieser liebenswerten Frau beigefügt, aber mein Respekt verbietet mir das. So versuche ich, sie mit Worten zu beschreiben: Geschätzte 1.45 klein, geht sie leicht gebeugt. Sie trägt - wie viele alte Frauen hier - einen Hut, einen weißen Strohhut mit rosa geblümtem, auf die Schultern hängendem Hutband. Über der Strickjacke, zugeknöpft zur langen Hose, trägt sie eine Schürze, ja, eine Schürze! Manche haben auch eine Art Kleiderkittel an und einige einen Rock über der Hose. Bei allen Seniorinnen beobachte ich diesen Kleidungsstil. Das Gesicht der alten Frau spricht Bände: Tiefe Furchen, eine etwas dicke runde Nase, kleine fröhliche braune Augen. Durch und durch spricht Freude, vielleicht sogar Dankbarkeit aus ihm. Umrahmt wird es durch graue glatte Haare, die launisch (oder launig?) unter dem Hut hervorquellen.  

Die meisten reden in der Sprache des Anden-Hochlands, Quechua. Einige können sich kaum auf Spanisch verständigen. Es sind einfache Leute im Altenheim, manche haben keine Schule besucht. - Quechua (Ketschua) wird von circa zehn Millionen Menschen gesprochen. Es ist die am weitesten verbreitete indigene Sprache Südamerikas, angewandt im Süden Kolumbiens, in Ecuador, Peru und bis in den Norden von Chile und Argentinien. Den größten Teil hat dabei Peru. Hinter Spanisch und Portugiesisch (in Brasilien) nimmt sie den dritten Platz in Südamerika ein. Quechua ist neben Spanisch Amtssprache in Peru, Bolivien und Ecuador. -

Schön ist das hier, denke ich schließlich, so anders als unsere besinnlichen Weihnachten in Deutschland. Und: Ich habe noch nie am Heiligabend getanzt!

 

Hier ein Blick auf das nächtliche Cusco am Heiligabend: Die Aufnahme, wir sind geblendet vom Scheinwerfer eines Autos, wurde gemacht, nachdem wir die Weihnachtsfeier im Altenheim verlassen haben. Sieht man darin nicht gerne etwas Magisches? Die Magie der Weihnacht? 

 

                             © Franka Frieß

 

Nach circa eineinhalb Stunden verlassen wir die sympathischen alten Leutchen sowie die nette Belegschaft und unsere stolze Tochter. Mein Herz habe ich an den alten Musiker mit seiner tönernen Pfeife und an die betagte Dame verloren, deren Hand ich beim Tanzen hielt, stets mit einem spitzbübischen Lächeln im Gesicht ... an diesem Heiligabend in Cusco 2016 ... Liebenswerte Seelen ... Ein Geschenk des Himmels!

 

Wir schlendern stadteinwärts, den Berg hinunter und winken uns ein Taxi herbei, fahren zur Stadtmitte von Cusco und suchen am Marktplatz, dem Plaza de Armas, ein Restaurant auf.

Das folgende Bild ist im nächtlichen Cusco, in der Nähe des Plaza de Armas, aufgenommen:

 

                                                                    © Franka Frieß

 

Der Ablauf des Heiligen Abends in Peru ist völlig konträr zu unserem Programm in Deutschland, wo wir zu dieser Stunde unterm Christbaum sitzen, Geschenke öffnen und spät in der Nacht die alte Stadtpfarrkirche besuchen würden, begrüßt von Glockengeläut, begleitet von Orgelmusik und eingetaucht in Weihrauch.

Das war also ein kleiner Einblick in unseren Heiligabend weit weg von Deutschland, der, wie wir später erfahren, völlig verregnet war! Toll, triumphiert es in mir. Nichts verpasst! - Der Sommer in Cusco ist eher kühl, das hatte unsere Tochter uns schon prophezeit. Wir sollten Strickjacken und Pullover mitnehmen, denn die Nächte in den Anden sind kalt, um die zehn Grad, auch wenn am Tag Temperaturen um die 24 Grad herrschen. Dennoch war unsere Heilige Nacht in Cusco vom Wetter her angenehm. Auch der Regen, es ist ja Regenzeit, hat uns nicht belästigt.

 

 

 

 

                                                        © Franka Frieß

 

 

El Niño

 

 

 

Wer den Wetterbericht um die Weihnachtszeit verfolgt, begegnet mitunter dem Begriff "El Niño". Dabei handelt es sich um eine Art Klimaveränderung, vor allem an der Westküste Süd-und Nordamerikas, aber auch in Südostasien. An der Pazifikküste kann dieses Phänomen zu heftigen Regenfällen und Überschwemmungen führen. Das Amazonas-Gebiet leidet hingegen unter Trockenheit, und in Mexiko kommt es zu Wirbelstürmen, die enorme Schäden anrichten. Eine Folge des fehlenden Regens sind Buschfeuer und riesige Waldbrände in Südostasien und Australien.

Keine Panik, ich werde jetzt kein Erdkunde-Referat halten, vielmehr will ich auf den Ursprung des Begriffes hinweisen: Die genannten Wetter-Anomalien treten in Südamerika zur Weihnachtszeit (und Jahreswende) auf, das ist die Zeit von El Niño, welches im Spanischen "das Kind“ oder "der Junge" heißt. An Weihnachten meint man mit "El Niño" das Kind in der Krippe, das Christkind oder Jesuskind also. Zur Zeit des El Niño kommt es folglich zu oben genannten Wetterveränderungen, daher der Name!

 

 

  

                                                            © Franka Frieß

 

 

 

 

Am ersten Weihnachtsfeiertag begegnen wir Kindern, überwiegend Mädchen zwischen fünf und zehn Jahren etwa, die eine kleine Puppe mit sich tragen, in feinen Spitzen gekleidet und in noch feinerem Bettchen liegend. Die stolzen Mädchen strahlen, sie gehen fast mütterlich um mit ihrem "niño", ihrem kleinen Jesuskind. Die Jungs(!) - nicht weniger stolz - probieren ihre neuen Fahrräder und Roller aus.

Auf dem Marktplatz von Cusco herrscht buntes und lautes Treiben: Die alljährlich stattfindende Weihnachtsparade der Menschen aus der Umgebung, wie uns der Schuhputzer aufklärt, der die Schuhe unseres Sohnes auf Vordermann bringt. Nach Dörfern getrennt ziehen die Leute, in farbigen Gewändern gekleidet, tanzend um das Carré des Marktplatzes, zu - in meinen Ohren - schriller Musik. Ein Anführer trägt das Jesuskind in einem Körbchen oder halbwegs in Decken gewickelt, geschmückt mit frischen Blumen. Hinter ihm schließen sich die Dorfbewohner/innen an. Einige Personen - Männer - tragen Masken zu ihren bunten Kostümen. Ich kann mir nicht helfen, ich muss an unseren Karneval/Fasching denken!

Der gesprächige Schuhputzer klärt uns auf, dass Drogen- und Alkoholkonsum als auch Diebstähle auf dem Plaza de Armas in den letzten Jahren deutlich abgenommen haben. Er zeigt uns die Kameras, um den Marktplatz herum an Kirchen und Geschäften installiert, die die Szene fest im Blick haben.

 

Hier Eindrücke vom farbenprächtigen Weihnachts-Spektakel in Cusco:

  

© Franka Frieß

© Franka Frieß

                               © Franka Frieß

 

 

 

 

 

 

 

Die Bilder der Menschen, die hier ausgelassen den ersten Weihnachtsfeiertag in Cusco feiern, sprechen für sich!

© Franka Frieß

 

 

El Niño, das Christkind, begegnet uns häufig. Zum einen in den mannshohen Krippen, Hütten gleich, die überall positioniert und mit großer Liebe ausgestattet sind: Auf den Plätzen und Marktplätzen, in den Geschäften, in fast jedem Supermarkt, in den Wohnungen, in den Hotels, in der Tanzschule sogar. Und darin liegt natürlich die Hauptperson, das Jesuskind, auf Stroh gebettet. Und dann begegnen wir El Niño auf Plakaten und Bildern z. B. auf dem Flughafen. Und natürlich treffen wir auf die bereits erwähnten Püppchen, die von ihren Besitzerinnen stolz herum getragen werden.

Diese Allgegenwart des El Niño hat mir gefallen! - Die Figur wird erst in der Heiligen Nacht in die Krippe gelegt, das versteht sich, ist ja logisch!

 

 

Hier noch einige schöne Krippen:

 

 

 

                                                                  © Franka Frieß

In der Kathedrale von Lima

 

 

 

 

Unten siehst du meine Lieblingskrippe. Diese lebensgroße Darstellung der Heiligen Familie überraschte uns mitten in einem vornehmen Einkaufszentrum von Miraflores/Lima:

 

                                         © Franka Frieß

 

Und hier ein weihnachtliches Schmankerl, diese Indio-Krippe aus Ton, nur circa fünf mal sieben cm klein, ein Abschiedsgeschenk aus Peru. Jetzt steht sie bei uns auf der Fensterbank, sie wird das ganze Jahr über dort bleiben!

© Franka Frieß

 

 

 

Familienausflug

 

 

- Auf dem Weg nach Machu Picchu -

 


Am 2. Weihnachtsfeiertag, während die meisten meiner Landsleute in der Heimat wohl Plätzchen, Christstollen und ein üppiges Weihnachtsmahl (mit Verdauungsspaziergang?) genießen dürften, währenddessen stehen wir drei deutschen Touris im Hotel in Cusco gegen halb fünf auf und holen unsere Tochter mit dem Taxi von ihrer Wohnung ab. Für uns sollen es zwei Tage zu viert sein - „Familienferien im Urlaub“ sozusagen. Alles ist minutiös eingefädelt, Überraschungen sind eingeplant, die man nicht nur in Peru - hier aber besonders - einplanen sollte...

Wir wollen nach Machu Picchu und nehmen die Touristenbahn nach Aguas Calientes, der Basisstation, von wo aus ein Bus uns auf den knapp 2500 Meter hohen Heiligen Berg bringen wird. Mit der Bahn für Einheimische dürfen wir nicht fahren, selbst wenn wir wollten. Wir sind Touristen und müssen den Touristenzug, den wir schon in Deutschland gebucht haben, nehmen und auch entsprechend zahlen. Aber das ist schon okay! Das Land lebt vom Tourismus und die sehr gut organisierte Fahrt ist ihr Geld wert! Den Einheimischen selbst gönne ich ihre niedrigen Fahrpreise, die sicher durch unseren Beitrag mitfinanziert werden. Das hoffe ich zumindest!

Eine atemberaubende dreieinhalbstündige Fahrt im Panoramazug, dieser hat große Fenster auch an der Decke, liegt vor uns mit erstklassigem Frühstück und freundlichem Service. Wir genießen unseren Ausblick auf den Fluss Urubamba, der sich durch eine der kulturell und landschaftlich vielfältigsten Gegenden Perus zieht, vorbei an terrassenförmigen Ruinenanlagen der Inkas. Wir blicken auf kleine Häuser und teils zerfallene Hütten, auf fruchtbare Äcker, auf einige schneebedeckte Anden-Gipfel. Man sieht sehr wenig Menschen. Wo sind die eigentlich? So frage ich mich erst jetzt.

Nach der Ortschaft Ollantaytambo - ich kann diesen Namen bis heute nicht aussprechen, während der Rest der Familie dies problemlos hinkriegt - führt das Urubamba-Tal durch Schluchten in Richtung Regenwald. 

Der kleine Ort Aguas Calientes mit seinen etwa 2000 Einwohnern ist also unser Ziel, von wo aus es weitergehen wird nach Machu Picchu selbst. Das Dorf ist mir noch bestens in Erinnerung von meinen beiden letzten Besuchen, besonders weil es keinen Autoverkehr dort gibt und der Ort - trotz der vielen Touristen - etwas Beschauliches ausstrahlt. Außerdem habe ich den großen Markt mit wunderschönem Silberschmuck in Erinnerung.

Wir werden am Bahnhof vom Hotelbetreiber persönlich abgeholt. Er steht dort unter den Wartenden und hält eine kleine Tafel hoch, auf der unser Familienname geschrieben steht. Wir gehen auf ihn zu, er könnte irischer, schottischer oder deutscher Abstammung sein mit seinem rötlich-blondem Haar, so finde ich, welches sich deutlich von dem bis ins Blauschwarz gehenden Haar der Anden-Bevölkerung absetzt. Im Gespräch outet er sich als Franzose, der vor vielen Jahren als Tourist nach Peru gekommen ist und sich hier sesshaft gemacht hat. Der Stress in seinem (angesehenen) Beruf hat ihm nach eigenem Bekunden nicht gefallen. Ein richtiger Aussteiger! Sehr sympathisch! Wir bringen unser Gepäck in seine kleine Pension, direkt am Ufer des Urubamba liegend.

 

 

Bevor ich mit meiner Reiseschilderung fortfahre, möchte ich ein lustiges Foto posten, in Aguas Calientes aufgenommen. Darauf ist ein Miniatur-Bus zu sehen, vielleicht ein Drittel der normalen Größe. Er steht tatsächlich in der Luft, auf einem Gestell natürlich. In natura wirkt der Anblick dieses „Minibusses“ weitaus verblüffender als auf dem Foto! 

 

                                                        © Franka Frieß

 

 

- Machu Picchu, geheimnisvolle Welt -

 

 

Die Bilder von Machu Picchu sind überwiegend von meiner Tochter und meinem Mann aufgenommen. Die beiden sehen die Stätte von einer anderen Warte als wir, mein Sohn und ich. Danke! Ist das nicht eine gelungene Teamarbeit?!

 

 

© E.C.

 

 

Und dann schultern wir unsere Rucksäcke und laufen zur Abfahrtsstation. Dort nehmen wir den Bus zum Weltkulturerbe Machu Picchu. Es ist sogar mehr: Es ist auch Weltnaturerbe!

Ich freue mich, denn ich weiß, was mich erwartet. Die Atmosphäre ist einzigartig, losgelöst vom Weltlichen, so würde ich es knapp formulieren. Etwas Sphärisches liegt in der Luft. Hier auf Machu Picchu, der „Stadt in den Wolken“, tut sich eine Welt auf, fremd und faszinierend, wo sich Göttliches mit Menschlichem zu verbinden scheint. Diesen Eindruck - verbunden mit einem Gefühl des Friedens - kenne ich auch von anderen Orten, ganz besonders nehme ich ihn hier wahr. Machu Picchu, das heißt "der Alte Gipfel", übersetzt aus Quechua, der Inka-Sprache. Ich beobachte große Vögel, sind es Kondore, die hoch in den Lüften kreisen? „El Condor pasa“ ... Und wünschte mir, einmal früh morgens hier allein zu sein, um den Sonnenaufgang ungestört beobachten zu können. Ein bloßer Traum bleibt dies, denn täglich sind bis zu 2000 Besucher vor Ort! Gott sei Dank ist das Terrain so groß, dass sich die Leute trotz allem nicht auf die Füße treten!

 

 

Hier die "Stadt in den Wolken":

 

 

                                                                                                 © E.C.

                                                                                                                                                                                    © E.C.

© E.C.

                                                                                                                              © E.C.

 

Auf diesem Foto kannst du sehr schön die Serpentinen sehen, auf denen uns der Bus von Aguas Calientes nach Machu Picchu gefahren hat.

 

 

 

 

 

Am Vorplatz des weltberühmten Ortes angekommen, verlassen wir den Bus und betreten das riesige Gelände, laufen den vorgegebenen Pfad entlang und erreichen den Wegweiser zum "Inti Punku", zum "Sonnentor".

Dieser hohe Gipfel ist nichts für mich und unseren Sohn, für meinen Mann und unsere Tochter aber umso herausfordernder! So trennen sich unsere Wege: Vater und Tochter erklimmen den steilen Berg, vor dem es mich aus der sicheren deutschen Ferne noch graut. Mein Sohn und ich gehen die gemächlicheren d. h. ebenen Pfade, nehmen alles locker, weil wir beide nicht recht fit sind für das Kraxeln in über 2000 Metern Höhe. Und diesmal, bei meinem dritten Besuch in den Anden Perus, hat mich die Soroche - die Höhenkrankheit - erwischt. Das heißt Kopfweh, Kopfweh, Kopfweh. Ich frage mich natürlich, warum erst jetzt und finde einen Grund unter anderem. Das Alter lässt grüßen! - An dieser Stelle ein kleines Update: Unsere Tochter hat mir widersprochen, sie sagte via Skype, die Soroche treffe vor allem die Jungen und weniger die Alten. Ausnahmen bestätigen die Regel! Oder, da bin ich ja vielleicht doch noch jung?

Wir legen immer wieder Pausen ein, während ich an meinen Mann und unsere Tochter denke. Wo die sich wohl jetzt herumtreiben? Ob sie den Gipfel des Berges schaffen? Ich will sie anrufen, aber unsere Handys haben keinen Empfang.

 

 

                                                        © E.C.

 

Vieles ist beeindruckend: die enthobene Atmosphäre, die steinernen Andenken der fremden Inka-Kultur, Lamas, die auf terrassierten Wiesen das Mittags-Fressen wiederkäuen, Touristen, von mir aus einem Augenwinkel beobachtet... und mit einem Ohr belauscht. Welche Sprachen erkenne ich? - Latein- und US-Amerikaner sind hier und Japaner, Italiener, Spanier, Franzosen und Osteuropäer, deren Sprache ich nicht identifizieren kann und - so gut wie keine Deutsche. Die sind im mitteleuropäischen Sommer zur Zeit der großen Ferien häufiger unterwegs. Und nicht zu Weihnachten! Irgendwann tritt eine muslimische Familie mit zwei oder drei kleinen Kindern in mein Blickfeld und ich höre - überrascht -, dass sie perfekt deutsch sprechen.

 

                                            © E.C.

 

 

Machu Picchu wurde um 1440 gegründet. Etwa 100 Jahre später, als die spanischen Eroberer dieser Berg-Siedlung immer näher rückten - die Conquistadores gingen mit großer Härte vor, etwa die Hälfte der Inka-Bevölkerung starb -, wurde die Stadt aufgegeben. Der Theorie nach „übersahen“ die Leute unter dem berüchtigten Anführer Francisco Pizarro den Ort. "Der Alte Gipfel" fiel in einen - kann man wohl sagen - Dornröschenschlaf. In der Bevölkerung selbst lebte das Wissen um die Stadt in den Bergen aber immer fort.

Ist nicht alles, was Jahrzehnte, gar Jahrhunderte in einem verborgenen Schlummer lag, geheimnisvoll und märchenhaft? Weckt es nicht verborgene Fantasien in uns? Die Tatsache, dass der Ort lange von außen nicht zugänglich war, trägt sicher zu diesem Zauber bei, der bis heute fortlebt.

Im Jahr 1911 wurde Machu Picchu von dem Amerikaner Binghams "entdeckt". Wieder! Die Inka-Stadt wurde nämlich bereits vorher jeweils von einem spanischen und deutschen Forscher "entdeckt". Der Ruhm wird aber dem Amerikaner zugeschrieben. Eine Wandtafel in der Nähe des Eingangs zu dieser weltberühmten Siedlung in den Bergen erinnert an ihn.

Machu Picchu gehört heute zu den beliebtesten Touristenzielen in Südamerika. Trotzdem ist nur wenig über seine Geschichte bekannt. Vieles bleibt im Nebulösen: Eine "Stadt in den Wolken" eben! 

 

An dieser Stelle möchte ich betonen, dass ich einen persönlichen Reisebericht - aus meiner Warte - verfasse und daher Geschichtliches und andere touristische Informationen nicht weiter ausführe. Wenn du dich dafür interessierst, suche (im Internet), es gibt sehr viel Wissenswertes über Machu Picchu ... Auf alle Fälle hier mein Rat: Solltest du einmal nach Südamerika reisen, Machu Picchu muss zu deinem Pflichtprogramm gehören! Du wirst es niemals bereuen!

Und noch etwas denke ich schon immer bei meinen Reisen nach Peru: Die Stätten in der Neuen Welt sind für uns Europäer nicht wirklich alt. Machu Picchu zum Beispiel ist jünger als die - sehenswerte - mittelalterliche Kirche in unserem fränkischen Städtchen. 

 

Mein Sohn und ich schlendern also durch diese unwirkliche Szenerie, müde und - ja, leider - etwas lustlos. Die Soroche macht mir zu schaffen! Wir entdecken auf einmal zwei Punkte auf dem gegenüberliegenden Berg, blau und rot, die sich hintereinander fortbewegen. Ich greife zum Handy und rufe „meine beiden“ an. Jetzt klappt die Verbindung: „Seht ihr uns?“ Ich winke wie wild. Keine Reaktion vom Berg. Erst als eine Reiseleiterin meinen missglückten Versuch der Familienzusammenführung bemerkt und ihre Fahne großflächig schwenkt, erkennen mein Mann und meine Tochter uns in der Ferne und winken zurück. Was für ein Erfolgserlebnis! Ich danke der hilfsbereiten Führerin mit einem erfreuten „Gracias“ und betone es mit einem „Muchas Gracias“. 

Bevor wir schließlich den magischen Ort verlassen, holen wir uns am Ausgang einen Stempel zur Erinnerung. Den möchte ich dir natürlich nicht vorenthalten:

  

                                                                                   © Franka Frieß

 

 

Mein Sohn und ich warten auf dem Vorplatz der Touristenstätte mehr als eine Stunde auf die "sportliche Hälfte" der Familie, aber die ist noch mitten im Sightseeing, wie wir telefonisch erfahren. So entscheiden wir uns, die steinerne Treppe nach Aguas Calientes alleine zu gehen. Das ist ein Klacks, denken wir: Es geht ja bergab. Da haben wir uns aber getäuscht!

Und so nehmen wir die unzähligen Stufen des verborgenen Pfades vom "Alten Gipfel" ins Tal hinab. Es ist die reinste Kniebreche, manchmal denke ich, es ist zuviel für uns. Der Weg zieht sich und zieht sich und will nicht enden. Eine Stufe nach er anderen muss genommen werden, wie geht das ins Knie! Wir machen Pausen und sprechen uns gegenseitig Mut zu. - Nach eineinhalb Stunden haben wir es schlussendlich geschafft!!! Und sind mächtig stolz. 

 

                             © Franka Frieß

Vater und Tochter fahren mit dem Bus ins Dorf zurück. Sie steigen in Aguas Calientes aus und kommen fast zeitgleich mit uns - wir alle sind erschöpft und glücklich - in der Unterkunft an. Unsere Tochter ist tatsächlich bis auf den Gipfel des hohen "Sonnentors" gestiegen und hat von dort einen atemberaubenden Blick hinunter nach Machu Picchu genossen!

 

 

Sechs Wochen später - aus zeitlicher Distanz - befrage ich meinen Sohn, was für ihn wohl das Faszinierende an Machu Picchu sei. Da kommt die wohl dosierte Antwort, ich zitiere wörtlich: „... dass der Ort mitten auf einem Berg im Urwald liegt und dass er nicht von Europäern, sondern von Inkas gebaut wurde, die nicht mal Räder hatten.“

 

 

 

Du sollst einer Arbeit nachgehen! Du sollst die Wahrheit sagen! Du sollst nicht stehlen!

 

 

Zum Abschluss möchte ich eines unserer Mitbringsel vorstellen, welches unser Sohn in Cusco von einer fliegenden Händlerin erworben hat. Eine Indiofrau steht plötzlich vor uns, als wir unser kleines Zwischenmenü auf einer Bank in der Stadtmitte genießen, sie muss uns aus der Ferne anvisiert haben. Sie stellt ihr Rückenbündel vor unseren Füßen ab und packt dunkelbraune birnenförmige Gegenstände in unterschiedlicher Größe aus. Es sind Kalabassen, eine Art Flaschenkürbis. In diese sind Motive eingeritzt oder eingraviert: Mond und Sterne, Blumen, Kondor und Puma, eine Frau bei der Arbeit und schließlich der Jahreskreis von zwölf Monaten, in unterschiedlichen Motiven dargestellt, in der Mitte davon so etwas wie die zwei Tafeln Mose. Diese interessieren mich. Ich frage die Frau, was die Worte auf den Tafeln heißen. Sie erklärt, es sind die Haupt-Gebote der Inkas. „Du sollst einer Arbeit nachgehen!“ - „Du sollst die Wahrheit sagen!“ - „Du sollst nicht stehlen!“ - Aha! Faszinierend! Ich gebe alles noch einmal - auf Spanisch wohlgemerkt - wieder, um sicherzustellen, dass ich die Frau richtig verstanden habe. Ja, so ist es! Ich frage nach, ob sie die Kunststücke selbst gemacht hat. Sie nickt, nicht ohne Stolz, ihr Mann helfe ihr dabei. Wir sind beeindruckt von den kleinen Kunstwerken, eines schöner als das andere.

 

Mein Sohn sucht sich „seine“ Kalabasse aus. Ein tolles Andenken, vielleicht das vielsagendste von all unseren Mitbringseln und Geschenken. Dieses nun steht auf seinem Schreibtisch, vielleicht erinnern die Weisheiten der Inkas ihn daran, seinen (schulischen) Pflichten u. a. nachzukommen ... Die prägnanten Aussagen der fernen Inkas, Geboten gleich, sprechen für sich, denn sie sind für jeden von uns jetzt und heute genauso relevant wie zu den alten Zeiten! 

© Franka Frieß

                                                                                                                                                                             © Franka Frieß

Mit dem gerade beschriebenen Souvenir habe ich einen Sprung an das Ende unserer Peru-Reise 2016/17 gemacht. Die Zwischenzeit, die Tage nach Weihnachten - Silvester also und unsere Zeit in Lima - diese Lücken werde ich irgendwann noch füllen - oder auch nicht. Vielleicht auch erstelle ich aus dem Erlebten ein Buch? Vielleicht! Vor meinem inneren Auge entstehen Kapitel wie "Das bunte Peru", "Armut und Reichtum", "Die Lebensart der Peruaner“, "Was Deutsche und Peruaner voneinander lernen können" und, und, und ... Vielleicht!

Ich verabschiede mich hier, werte Leserin, werter Leser! Und hoffe, du hast einen kleinen Einblick in die peruanische Kultur gewonnen. Möglicherweise inspirieren dich meine Zeilen, mehr über das Land zu erfahren oder es sogar zu besuchen? Falls du etwas über die Organisation wissen willst, mit der unsere Tochter ihren Dienst in Cusco tut, dann bist du hier richtig: http://www.amntena.de/ 

Die Worte des peruanischen Schriftstellers Ribeyro am Anfang meiner Reiseschilderungen sollen auch an ihrem Ende stehen: "Ewig Fremder, ewig Lernender, ewig Bewerber zu sein, das ist ein Weg zum Glück." Oder auch: „Bleibe offen, lerne dazu, fange stets neu an, um glücklich zu sein!“

 

In diesem Sinne: Adios amigos!

 

Franka Frieß